Figuren entwickeln (2/4)

Show don't tell

Im zweiten Teil der Artikelreihe “Figuren entwickeln” erfährst du mehr über die goldene Regel des Schreibens: Show don’t tell — was bedeutet das eigentlich? Und wie kannst du diese Technik einsetzen, um lebendige Figuren zu erschaffen?

Die goldene Regel: Show don’t tell?

Wenn du dir unsicher bist, wie eine Szene am wirkungsvollsten ist, schreibe sie wieder und wieder – aus unterschiedlichen Perspektiven. Dadurch entwickelst du ein gewisses Maß an Empathie für deine Figuren und tauchst in ihr Innerstes.

Häufig heißt es, dass die goldene Regel “Show don’t tell” sei. Allerdings ist diese Auffassung problematisch. Du solltest nie etwas zeigen, nur um des Zeigens willen. Du zeigst, um etwas zu erzählen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Mache dir daher immer bewusst, was du erzählen willst und wie du das am besten zeigen kannst.

“Tell by showing” should be the golden rule.

Richard Blanco

Unglücklichsein zeigen – am Beispiel von Aschenputtel

Was bedeutet “Tell by Showing” konkret? Stell dir vor, du schreibst “Aschenputtel” neu. Du möchtest erzählen, dass Aschenputtel sich mit der Stiefmutter und den Stiefgeschwistern nicht versteht. Sie ist unglücklich mit ihrer Situation. Wie zeigst du das?

Dazu solltest du dir zuerst überlegen, wie dein Aschenputtel charakterlich ist. Ist sie willig und hilfsbereit, wie in Grimms Märchen? Oder wählt sie – als Junge verkleidet – die heimliche Flucht ins Abenteuer, wie in “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel”? Statt lieb und nett zu sein, könnte sie sich auch aktiv zur Wehr setzen. Je nach charakterlicher Ausrichtung deines Aschenputtels müsstest du das Unglücklichsein und den Umgang mit der Situation anders zeigen.

Das Aschenputtel aus Grimms Märchen erduldet. Sie tut, was man ihr aufträgt und versucht sich durch Gehorsam die Erlaubnis der Stiefmutter zu verdienen, zum Ball zu gehen. Sie weint und betet viel am Grab der toten Mutter. Sprechen tut das Aschenputtel der Gebrüder Grimm nur wenig. Es klagt nicht über sein Unglück. Es ist eine recht passive Figur, die bei den Leserinnen Mitleid erweckt, weil es grundlos so ungerecht behandelt wird. Hilfe kommt für dieses Aschenputtel immer nur von außen: vom Bäumchen auf dem Grab der Mutter, von den Tauben – und vom Prinzen, der sie am Ende aus dem Elend errettet.

Wie anders ist das Aschenbrödel das sich unter der Regie von Václav Vorlíček in die Herzen der Zuschauer ritt. Statt ihr Unglück zu erdulden, ist sie sich selbst der Retter auf dem weißen Pferd. Ihrer herrischen Schwiegermutter bietet sie mutig die Stirn, beschützt sogar andere Hausangestellte vor ihr. Als der Königssohn zu Besuch kommt, bewirft sie ihn mit Schneebällen, entkommt auf seinem Pferd und schlägt ihn – als Jäger verkleidet – bei einem Schießwettbewerb. Aktiv ändert Vorlíčeks Aschenbrödel ihr Schicksal. Sie ist kein Opfer, sie braucht keinen Retter. Eigentlich ist sie es selbst, die den Prinzen für sich erobert. Zwar auch mit Schönheit, aber vor allem mit Wagemut und ohne ihm vorzuspielen, dass sie eine hilflose Frau sei. Sie tritt ihm auf Augenhöhe gegenüber. Mit Vorlíčeks Aschenbrödel hat man kein Mitleid. Sie weckt Bewunderung, weil sie sich in einer schwierigen Lage nicht unterkriegen lässt und selbst Verantwortung für ihr Glück übernimmt.

Die wehrhafte Cinderella könnte nur den Anschein des Gehorsams wahren – das Unrecht, das ihr widerfährt, könnte ihre Entschlossenheit und ihre Kampfbereitschaft anfachen. Nachts könnte sie mit anderen Angestellten den Sturz der Stiefmutter vorbereiten. Sie könnte dafür sorgen, dass die Stiefmutter an Macht verliert, Intrigen spinnen und sie damit in den Wahnsinn treiben. Sie könnte aber auch am Hof des Königs für ihre und die Unabhängigkeit aller Waisenkinder eintreten, indem sie für das Recht auf Erbschaft und finanzielle Unabhängigkeit eintritt. Das wehrhafte Aschenputtel könnte möglicherweise überhaupt nicht nett sein und sogar planen sich durch Mord der Stieffamilie zu entledigen. Vielleicht beauftragt sie einen Meuchelmörder – und dieser stellt sich als der Königssohn heraus, der wie Dexter Morgan seinen dunklen Zwängen nachgeht, indem er Menschen tötet, die es verdient haben.

Wie Figuren lebendig werden

Sobald du dir eine Figur ausgedacht hast, musst du sie zum Leben erwecken. Doch wie geht das? Es gibt Tricks, die dir dabei helfen.

What we’ll explore now […] are behaviors of which the character herself is largely unaware, and may in many ways seem inconsequential, but nonetheless are so curious, odd, unexpected, or hard to explain that they automatically provide a vivid, impressionistic image and thus help the character come alive.

They can be helpless physical expressions—like a honking laugh, an anxious fluttering of the eyelids when feeling shy, a jerky twitch in the shoulder when anxious.

They might take the form of vaguely conscious compulsions—checking one’s hair, makeup, or teeth in the rearview mirror; tapping one’s pen against a desktop.

Or they may be deliberate, even practiced eccentricities of affectations—quoting proverbs to summarize the “meaning” of what’s just been said, or using French words or phrases sans ironie.

David Corbett: The Art of Character, Chapter 16 – “Quirks, Tics, and Bad Habits”

Es sind also gerade die seltsamen Eigenheiten, die unerklärlichen Ticks oder die schlechten Angewohnheiten, die eine Figur im Auge der Lesenden lebendig werden lassen. Um auf solche Angewohnheiten zu kommen, lohnt es sich das eigene Umfeld genau zu beobachten.

Ich arbeitete einmal mit einer Lehrerin zusammen, die grunzte wie ein Schweinchen, wenn sie lachte – und daher an der ägyptischen Schule auf Probleme stieß. Ein Bekannter von mir nervt alle mit seinem Tick immer “etcetera pp” sagen zu müssen. Mein Freund wippt ständig mit dem Fuß und treibt mich damit in den Wahnsinn. Ich schließe nie die Türen von Küchenschränken, was wiederum meinen Freund kirre macht.

Schreibe dir am besten alles auf, was dir an anderen (und an dir selbst) auffällt. Das ist die Schatztruhe, aus der du dich später bedienen kannst, um einer Figur Leben einzuhauchen.

Fragen über Fragen

Hilfreich ist es auch, deine Figur ganz genau zu kennen. Was macht sie sauer? Über welchen Witz kann sie herzlich lachen? Worüber hat sie das letzte Mal geweint? Wie sieht ihre Morgenroutine aus? Hat sie ein Haustier? Welches? Mag sie es? Hat sie es geerbt? Du kannst dir unendlich viele Fragen ausdenken. Mit jeder Antwort wird aus deinem “Pinoccio” ein richtiger Junge.

Das heißt natürlich nicht, dass all diese Antworten auch in deine Geschichte einfließen. Sie nähren vielmehr dein Verständnis für die Figur sowie deine Fähigkeit, die Welt aus ihren Augen betrachten zu können. Dabei ist es wichtig, dass alle deine Figuren fesselnd sind – auch dann, wenn sie nicht liebenswert sind.

Für mich ist das perfekte Beispiel eines solchen fesselnden Charakters Dexter Morgan. Es ist eine Kunst einen Serienkiller so menschlich darzustellen, mit einem inneren Gerechtigkeitsempfinden, dass selbst Zuschauende die Notwendigkeit des Mordes nachvollziehen können und das Gute in seinen Taten sehen.

Schreibpraxis

Übe deine Menschen- und Selbstkenntnis mit der Schreibübung: Beobachten & Implizieren.

Weiterlesen

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu den nächsten Teilen des Grundlagen-Moduls “Figuren entwickeln”:

Anmerkung

Diese Inhalte dieses Blogartikels basieren auf den Materialien des Moduls “The Craft of Character” der Dozentin Amy Bloom. Das Modul ist Teil der Coursera-Spezialisierung “Kreatives Schreiben”.

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