Figuren entwickeln (3/4)

Dialoge Alltagsgesprächen Tonfall

Im dritten Teil der Artikelreihe “Figuren entwickeln” erfährst du, warum der Tonfall in deinen Texten so wichtig ist. Was unterscheidet Dialoge von Alltagsgesprächen? Und weshalb solltest du Adverbien nur sparsam einsetzen?

Der richtige Tonfall

Ein Text setzt sich aus dialogischen und erzählenden Teilen zusammen. In beiden Teilen spielt der Tonfall eine entscheidende Rolle. Als Autorin macht man sich aber häufig nur in Dialogen darüber Gedanken. Allerdings transportieren auch die erzählenden Teile einen individuellen Tonfall (und dadurch eine eigene Perspektive) – entweder der Figur oder des Erzählers. Deine Wortwahl in den erzählenden Teilen verrät den Lesenden nicht nur etwas über die Geschichte selbst. Du kannst sie auch nutzen, um deutlich zu machen, wer die Geschichte erzählt. Jede Figur hat ihren eigenen Blick auf die Welt. Eine optimistische Figur nimmt ihre Umgebung anders wahr als beispielsweise eine pessimistische. Das kannst du auch in den erzählenden Teilen einfließen lassen:

Der Klatschmohn erstrahlte in kräftigem Rot. Sie schnupperte. Tatsächlich! Es lag bereits dieser besondere Duft in der Luft. Es duftete nach Schwimmbad, nach langen Tagen und heißen Nächten. Es würde ein herrlicher Sommer werden!

Die Blumen sahen bereits vertrocknet aus, allein das Unkraut sah noch grün aus. Es war viel zu heiß für diese Jahreszeit. Schon wieder. Das T-Shirt klebte an ihrer Haut. Bestimmt würde dieser Sommer wieder so trocken und unerträglich heiß werden, wie der letzte.

Damit das funktioniert, sollte jede deiner Figuren eine unterscheidbare Stimme haben. Gib deinen Figuren einen Tonfall, der sie innerhalb deiner Geschichte einzigartig und wiedererkennbar macht. Folgende Fragen helfen dabei weiter:

  • Was würde deine Figur an ihrer Umgebung wahrnehmen? Die optimistische Person bemerkt die Farben, den Duft und freut sich auf die bevorstehende Zeit. Für sie ist es nicht einfach nur eine Blume, sonder Klatschmohn. Die pessimistische Person dagegen sieht, dass nur das Unkraut noch grün ist, bemerkt das Kleben des Shirts auf der Haut und findet den Gedanken an den Sommer unerträglich.
  • Mit welchen Worten würde deine Figur etwas beschreiben? Nutzt sie eine überschwängliche, poetische Sprache? Oder ist sie eher nüchtern und sachlich?
  • Bedenke auch, dass jede Figur einen Hintergrund hat. Sie ist geprägt von ihren Eltern und dem sozialen Umfeld. Sie ist durch ihre Vergangenheit, die finanziellen Mittel, ihren Beruf, ihre Bildung und die Region geprägt, in der sie aufgewachsen ist. Wie spiegeln sich diese Faktoren in den Gedanken und Worten deiner Figur wider?

Schreibe lieber ungewöhnlich

Die interessantesten Figuren sind nicht typische Frauen oder typische Männer. Was Menschen und Figuren interessant macht sind die untypischen Elemente an ihnen. Sie sind mehr als das, was sie zu sein scheinen. Sie haben eine einzigartige Seele. Sie haben schwere Zeiten durchgemacht. Wenn du deine Figuren konzipierst, schreibe sie lieber ungewöhnlich. Den typischen Mann oder die typische Frau gibt es eigentlich sowieso nicht. Wie sind alle einzigartige Individuen – und deine Figuren sind das auch.

Dialog vs. Gespräch

Wir führen täglich Gespräche. Und die meisten von ihnen sind nicht gerade interessant.

Was darf’s sein?

– Kaffee.

Mit Milch und Zucker?

– Ja, danke.

Ein solches Gespräch ist kein Dialog, der für eine Romanfigur geeignet ist. Es sei denn, du willst deine Leserinnen zu Tode langweilen.

Dialogue is not conversation, it is conversation’s greatest hits.

Amity Gaige

Schreibe keine Dialoge nur um der wörtlichen Rede willen. Mit einem Dialog solltest du – laut Danny Shapiro – immer drei Ziele verfolgen:

  • Mehr über deine Figur verraten
  • Die Geschichte vorantreiben
  • Sätze schreiben, die aus sich heraus interessant sind

Beispiel: Neil Gaiman – Neverwhere

Am besten lernst du den Unterschied zwischen Dialog und Gespräch, indem du deine Lieblingsautorinnen genauer unter die Lupe nimmst. Bei mir ist das Neil Gaiman. Gerade die ersten Dialoge in einem Text sind spannend, denn dort werden häufig Andeutungen auf den weiteren Verlauf der Geschichte gemacht. Im folgenden Dialog spricht Richard, die Hauptfigur in Neverwhere, mit einer alten Frau:

Inside the pub, Richard’s friends continued to celebrate his forthcoming departure with an enthusiasm that, to Richard, was beginning to order on the sinister. He sat on the sidewalk and held on tightly to the rolled-up umbrella, and wondered whether going south to London was really a good idea.

“You want to keep an eye out,” said a cracked old voice. “They’ll be moving you on before you can say Jack Robinson. Or taking you in, I wouldn’t be surprises.” Two sharp eyes stared out from a beaky, grimy face. “You all right?”

“Yes, thank you,” said Richard. He was a fresh-faced, boyish young man, with dark, slightly curly hair and large hazel eyes; he had a rumpled, just-woken-up look to hin, which made him more attractive to the opposite sex than he would ever understand or believe.

The grimy face softened. “Here, poor thing,” she said, and pushed a fifty-pence piece into Richard’s hand. “Ow long you been on the streets, then?”

“I’m not homeless,” explained Richard, embarrassed, attempting to give the old woman her coin back. “Please, take your money, I’m finde. Just came out to get some air. I just came out here to get some air. I go to London tomorrow,” he added.

She peered down at him suspiciously, then took back her fifty pence and made it vanish beneath the layers of coats and shawls in which she was enveloped. “I’ve been to London,” she confided. “I was married in London. But he was a bad lot. Me mam told me not to go marrying outside, but I was young and beautiful, although you’d never credit it today, and I followed my heart.”

“I’m sure you did,” said Richard. The conviction that he was about to be sick was starting, slowly, to fade.

“Fat lot of good it done me. I been homeless, so I know what it’s like,” said the old woman. “That’s why I thought you was. What you going to London for?”

“I’ve got a job,” he told her proudly.

“Doing what?” She asked.

“Um, Securities,” said Richard.

“I was a dancer,” said the old woman, and she tottered awkwardly around the sidewalk, humming tunelessly to herself. Then she teetered from side to side like a spinning top coming to rest, and finally she stopped, facing Richard. “Hold out your hand,” she told him, “and I’ll tell yer fortune.” He did as he was told. She put her old hand into his, and held it tightly, and then she blinked a few times, like an owl who had swallowed a mouse that was beginning to disagree with is. “You got a long way to go…” she said, puzzles.

“London,” Richard told her.

“Not just London. …” The old woman pause. “Not any London I know.” It stared to rain then, softly. “I’m sorry,” she said. “It starts with doors.”

“Doors?”

She nodded. The rein fell harder, pattering on the roofs and on the asphalt of the road. “I’d watch out for doors if I were you.”

Richard stood up, a little unsteadily. “All right,” he said, a little unsure of how he ought to treat information of this nature. “I will. Thanks.”

Neil Gaiman – Neverwhere (Prologue)

Die Begegnung zwischen Richard und der alten Frau ist mysteriös. Die alte Dame hält ihn für obdachlos. Sie war es selbst einmal – und sie scheint noch immer wie eine obdachlose Person gekleidet zu sein (mehrere Lagen von Mänteln und Schals). Als sie Richard die Zukunft aus der Hand liest, wirken ihre Vorhersagen wie die einer Verrückten. Das Interessante dieser Begegnung wird erst im weiteren Verlauf der Geschichte deutlich: Richard wird tatsächlich obdachlos, weil er einer Person namens Doors hilft. Und er lernt ein London kennen, das wenig andere sehen: Das magische und gefährliche London Underground.

Sprachliche Eigenheiten

Gerade beginnende Autorinnen nutzen häufig Adverbien. Wenn du bei dir selbst bemerkst, dass sich plötzlich ein Adverb an das andere reiht, ist es an der Zeit, diese kritisch zu hinterfragen.

Beispiel:

“Weiß nicht!”, sagte Anna patzig.

“Woher zum Teufel soll ich das wissen?”, sagte Anna.

Im ersten Satz gibst du den Lesenden vor, wie Anna das “Weiß nicht!“ sagt – nämlich patzig. Besser ist es, wenn man dem Satz bereits anmerkt, dass er patzig gemeint ist. Im zweiten Satz brauchst du daher kein Adverb. Verläuft eine Aussage jedoch unerwartet, dann ist ein Adverb angebracht:

“Ich hasse dich!”, sagte Anna liebevoll.

Ohne das “liebevoll“ würden Lesende den Satz “Ich hasse dich!“ als Bekundung von Abneigung interpretieren.

Gute Dialoge verraten bereits viel darüber, wie eine Figur tickt. Setzt du also Adverbien sozusagen als Regieanweisungen für deine Leserinnen ein, dann ist das ein Warnsignal. Analysiere solche Sätze und frage dich: Ist das Adverb wirklich nötig? Falls ja, könnte das ein Hinweis sein, dass der Dialog nicht aussagekräftig genug ist. Überarbeite in solchen Fällen am besten den Dialog.

Dialoge als Teil der Szene

Dialoge können ganze Szenen tragen – und wo immer sie das können, solltest du das auch zulassen. Wenn beispielsweise eine Figur zögert oder nachdenkt oder die Szene eine kurze Pause braucht, ist das der perfekte Zeitpunkt für sog. begleitende Handlungen. Das sind alle Handlungen, die während des Gesprächs ganz nebenbei geschehen. Stelle dir vor, dass zwei Charaktere sich im Café unterhalten. Sie sind vielleicht auf einem Blind Date. Es läuft etwas stockend. Damit die Pause nicht so unangenehm wird, könnte sie am Kaffee nippen und ihn aus den Augenwinkeln beobachten. Dabei fällt ihr auf, dass er einer anderen Frau nachschaut. Wenn das Gespräch wieder aufgenommen wird, bekommt es durch diese kurze Zwischenhandlung eine ganz neue Richtung und wird plötzlich spannend. Deine Leserinnen möchten erfahren, wie deine Figur mit diesem Affront umgeht. Wird sie wütend oder bissig? Ignoriert sie das Verhalten ihres Gegenübers? Oder versucht sie sich zu rächen und flirtet ostentativ mit einem anderen Mann?

Aus dem Kontext deiner Szene ergeben sich Spannungsfelder. Darum ist es wichtig den Kontext bei Gesprächen einzubeziehen.

In orchestrating how your speakers will vie for space on the page, remember what it is that they are trying to get in the scene and let them loose. What they’re after will often reveal their manner, even if they’re trying hard to conceal it.

David Corbett

Schreibpraxis

Übe in der Schreibübung: Insider vs. Outsider das schreiben von Dialogen ohne markierende Worte wie sagte, fragte, antwortete.

Weiterlesen

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu den nächsten Teilen des Grundlagen-Moduls “Figuren entwicklen”:

Anmerkung

Diese Inhalte dieses Blogartikels basieren auf den Materialien des Moduls “The Craft of Character” der Dozentin Amy Bloom. Das Modul ist Teil der Coursera-Spezialisierung “Kreatives Schreiben”.

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