Figuren entwickeln (4/4)

Erzählperspektiven Handlungsorte

Im letzten Teil der Artikelreihe “Figuren entwickeln” erfährst du: Welche Funktion haben Handlungsorte? Welche Erzählperspektiven gibt es? Und welche Perspektive eignet sich für deine Geschichte am besten?

Eine Welt voller Handlungsorte

Es gibt viele Orte, an denen sich Menschen täglich aufhalten: der Supermarkt, die Schule, der Park, das Büro, das Klo. All diese Orte könnten auch Handlungsorte für deine Figuren sein. Aber: Sind alle Orte gleich gut als Setting geeignet? Selbst das stille Örtchen?

Handlungsorte sind Orte, an denen deine Figuren mit der Welt interagieren. Nutze bei der Beschreibung dieser Orte alle Sinne – so wie du es auch im echten Leben tun würdest. Fühle dich an diesen Ort ein.

  • Was siehst du?
  • Was hörst du?
  • Was riechst du?
  • Wie sind die Oberflächen?
  • Was fühlt deine Figur?

Handlungsorte sollten deine Figur veranlassen, etwas über sich zu offenbaren. Insofern können Lesende auch mehr über deine Figur erfahren, wenn du deine Protagonistin die halbe Zeit der Gesichte auf dem Klo sitzen lässt. Wichtig ist nur, dass du dir überlegst wo und wie du den Charakter deiner Figur so einprägsam wie möglich offenbarst. Denn das ist dein eigentliches Ziel: Eine Figur zum Leben zu erwecken, an die sich deine Leserinnen erinnern.

Die Stimme des Erzählers

Es gibt unzählige Möglichkeiten deine Geschichte zu erzählen. Doch im Wesentlichen stützen sich die meisten Geschichten auf eine der folgenden vier Perspektiven:

Auktorialer Erzähler

Der auktoriale Erzähler ist allwissend. Er sieht alles, was die handelnden Figuren tun – und er weiß alles über sie, auch ihre Gedanken und Gefühle. Oft wertet und kommentiert er die Geschichte. Während die Zeit für handelnde Figuren linear verläuft, kann der allwissende Erzähler das Geschehen in Rückblenden oder Vorwegnahmen erzählen.

Beispiel:

Surehand war ganz allein und auf sich selbst angewiesen. Aber er hatte gute Waffen und konnte sich auf seine Treffsicherheit verlassen. Selbst bei einem Angriff der Sioux, als die Pfeile dicht an seinem Ohr vorbei zischten, hatte er nicht mit der Wimper gezuckt und mit ruhiger Hand bestimmt vier seiner Gegner erledigt. Das hatte ihm seinen Namen eingebracht, unter dem man ihn überall in der Gegend kannte. Außerdem ritt er ein ausgezeichnetes Pferd, einen Mustang, der einmal einem Häuptling gehört hatte. Davon wusste aber Surehand nichts, obwohl er sah, dass es sich um ein edles Tier handeln musste als er es in der Prärie entdeckte. Es war halb verdurstet, ein Pfeil seiner Flanke hatte sich entzündet. Surehand hatte das Tier gesund gepflegt und seitdem war es ihm treu ergeben. Es war dieses Pferd, das ihm, als er den Apachen das erste Mal begegnete, das Leben retten sollte.

Personaler Erzähler

Der personale Erzähler beschreibt das Geschehen aus der Perspektive einer einzelnen oder mehrerer Figuren. Er weiß daher nur, was die Person weiß, deren Perspektive er einnimmt. Grammatisch werden beim personalen Erzählen die Namen der handelnden Charaktere sowie Personalpronomen (er, sie) verwendet. Um Hintergründe zu vermitteln muss der Charakter selbst in der Geschichte darauf stoßen. Vorausdeutungen sind nur möglich, wenn sie der Figur selbst widerfahren (z.B. in Träumen oder Zukunftsdeutungen). Ebenso erfahren Lesende durch Erinnerungen, was einer Figur erlebt hat und erhalten so Rückblenden zum Geschehen.

Beispiel:

Surehand war zwar ganz allein und auf sich selbst angewiesen; aber er hatte gute Waffen und ein ausgezeichnetes Pferd, auf welches er sich verlassen konnte. Auch kannte er die Gegend oder die Gegenden genau, die er zu durchreiten hatte, und er sagte sich, dass es für einen erfahrenen Westmann leichter sei, allein durchzukommen, als in Begleitung von Leuten, auf die er sich nicht vollständig verlassen kann.

Neutraler Erzähler

Wenn eine Geschichte weder aus der Perspektive einer Figur erzählt noch das Geschehen kommentiert wird, handelt es sich um einen neutralen Erzähler. Er beschreibt nur das mit den Sinnen wahrnehmbare. Diese Erzählperspektive eignet sich gut für szenische Darstellungen.

Beispiel:

Surehand war zwar ganz allein und auf sich selbst angewiesen; aber er hatte gute Waffen und ein ausgezeichnetes Pferd, auf welches er sich verlassen konnte.

Ich-Erzähler

Eine Sonderform des Erzählers aus der Figurenperspektive ist der Ich-Erzähler. Das Geschehen wird aus der Ich-Form berichtet. Diese Erzählperspektive weist gewöhnlich dieselben Beschränkungen auf wie das personale Erzählen. Erzählt das Ich seine Geschichte jedoch rückblickend mit zeitlichem Abstand zum Geschehen, kann sich das Ich zwischen erzählendem und erlebendem Ich aufspalten. Das erzählende Ich wird dann zu einer Art auktorialem Erzähler der eigenen Geschichte, wodurch Rückblenden, Vorwegnahmen und Kommentare des Geschehens möglich werden.

Beispiel:

Ich war zwar ganz allein und auf mich selbst angewiesen; aber ich hatte gute Waffen und ein ausgezeichnetes Pferd, auf welches ich mich verlassen konnte. Auch kannte ich die Gegend oder die Gegenden genau, die ich zu durchreiten hatte, und sagte mir, daß es für einen erfahrenen Westmann leichter sei, allein durchzukommen, als in Begleitung von Leuten, auf die er sich nicht vollständig verlassen kann.

Karl May: Old Surehand I

Bevor du dich für eine Perspektive entscheidest, solltest du dir ein paar Fragen stellen:

  • Wer erzählt deine Geschichte und in welcher Beziehung steht der Erzähler zur Geschichte?
  • Welche deiner Figuren eignet sich besonders, um die Geschichte zu erzählen?
  • Steht diese Person im Zentrum der Handlung oder ist sie ein Beobachter?

Wenn du eine bestimmte Figur erzählen lässt, solltest du auch deren kognitiven und sprachlichen Einschränkungen berücksichtigen. Ein Kind erzählt anders als ein Erwachsener oder ein Tier. Personen mit geistiger oder körperlicher Behinderung nehmen die Welt anders wahr.

Schreibpraxis

Übe in der Schreibübung: Erzähl’s noch einmal! schreibst du eine Szene zweimal – aus unterschiedlichen Erzählperspektiven.

Weiterlesen

Neugierig, wie’s weitergeht? Hier geht’s zu den nächsten Teilen des Grundlagen-Moduls “Figuren entwickeln”:

Anmerkung

Diese Inhalte dieses Blogartikels basieren auf den Materialien des Moduls “The Craft of Character” der Dozentin Amy Bloom. Das Modul ist Teil der Coursera-Spezialisierung “Kreatives Schreiben”.

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