Besuch von Gestern

Besuch von Gestern 2 Eine autofiktionale Begegnung

Chris und ich haben es uns gerade vor dem Couchtisch gemütlich gemacht. Jeder hat sein Tablett vor sich. Darauf ein Teller mit etwas Frischem und etwas Gekochtem. Weil Chris heute dran war mit Essen machen, gibt es Nudeln. Ich seufze. Immerhin musste ich selbst nicht kochen. Das macht mir die Nudeln erträglicher. Wie immer suche ich die Serie für den Abend aus. Heute: Shining Girls. Der Vorspann beginnt, ich gable das Essen in meinen Mund, da klingelt es an der Tür. Sofort bin ich genervt. Kann man nicht mal abends seine Ruhe haben in diesem Haus? Ich überlege, ob es ein Nachbar sein könnte, der ein Paket von uns will. Ich habe kein Paket angenommen. Fragend schaue ich zu Chris. Er zuckt mit den Schultern. Während wir noch aushandeln, wer zur Tür muss, klingelt es ein zweites Mal. Ungeduldig. Dann setzt ein schalkhaftes Sturmklingeln ein. Der Rhythmus kommt mir seltsam vertraut vor. Da klingelt jemand, der mich kennt. Jemand, den ich kenne. Da klingelt jemand, der sich sicher ist, dass ich mich über ihn freue. Ich werde neugierig. Chris und ich wechseln Blicke. Ich steh’ ja schon auf, sagt meiner – und dann hieve ich mich unter der Couch vor. Es ist mühsam, vom Boden aufzustehen, daran merke ich mein Alter. Auch das nervt.

Wir könnten natürlich am Esstisch essen. Das wäre bequemer. Aber der Esstisch steht in der Küche. Wir essen lieber, wo der Fernseher steht. Das war schon in meiner Kindheit so. Zum Abendessen wurde feierlich der Fernseher, der sich auf einem Tisch mit Rollen befand, um die Wand herum vom Wohnzimmer ins Esszimmer geschoben – so herrschte Frieden am Esstisch, auch wenn man sich über das Fernsehprogramm nicht immer einig war. Meist bestimmte mein Vater, was geschaut wurde.

Im Grunde weiß ich, dass am niedrigen Couchtisch zu sitzen nicht nur unbequem und schlecht für den Rücken ist. Es ist zudem eine schlechte Angewohnheit. Das wissen wir beide. Abgewöhnen wollen wir es uns trotzdem nicht. Unsere Versuche scheitern regelmäßig an mangelndem Willen. Zwanzig Jahre Beziehung und der vergangene Tag haben uns zu müde gemacht für abendliche Gespräche. Wir schauen lieber Serien. Dann fällt das Schweigen nicht so auf und die gemeinsame Fernsehgeschichte verbindet ja auch irgendwie. Gespräche führen wir auf unseren ausgedehnten Hunde-Spaziergängen. Was ist, wenn Krümel einmal stirbt, das wissen wir beide nicht. Wenn auch die beredten Spaziergänge verstummten, dann müssten wir uns wirklich Gedanken machen.

Ich wuchte mich also vom Boden hoch, ignoriere mein Alter, solange mir das noch möglich ist, und öffne die Tür.

Andrea steht davor.

Sie reicht mir etwa bis zur Brust. Die Haare trägt sie in einem undefinierbaren Kurzhaarschnitt. Das Werk ihrer Mutter, die nur diesen Schnitt kann. Wir alle haben ihn getragen. Meine Brüder. Mein Vater. Ich. Nur meine Mutter nicht. Die ging zum Friseur.

So sah ich mit neun aus? Ich kann mich kaum erinnern. Andrea ist ein bisschen dreckig. Grasflecken an den gebräunten Beinen, die in einer gelb-blauen Nylon-Shorts stecken. 80er-Jahre-Schick mit Beinschlitz und starkem Glanz. Dazu trägt sie ein Netzoberteil und Schwimmsandalen. Stimmt, es ist Sommer. Da war sie bestimmt im Schwimmbad. Hungrig sieht sie aus. Außer „Hallo“ hat sie noch nichts gesagt. Sie ist direkt zum Kühlschrank gelaufen, hat die Tür aufgerissen. Jetzt steht sie davor und starrt hinein. Ich denke: die Kühlkosten! Sage aber nichts.

„Hast du Kochschinken?“, fragt sie.

Ich schüttle den Kopf.

„Salami?“

„Leider nicht“, sage ich.

„Nutella?“

Auch damit kann ich nicht dienen.

Andrea zieht eine Schnute.

Da fällt es mir wieder ein. „Haferflocken mit Kaba?“, frage ich.

Andreas Augen beginnen zu leuchten. „Aber dick. Mit wenig Milch und viel Kaba.“

„Weiß ich doch“, sage ich, grinse und mache mich ans Werk.

Als Andrea sich kurze Zeit später den ersten Löffel meiner Version ihres Lieblingsgerichts in den Mund schiebt, verzieht sie das Gesicht. Mit Backkakao, Honig und Hafermilch schmeckt es natürlich anders als mit extra viel ungesundem Kaba und echter Kuhmilch. Andrea sagt nichts. Sie schiebt sich noch einen Löffel in den Mund und kaut gierig. Erstens macht Schwimmbad hungrig. Und zweitens ist Schokolade am Essen. Da haben wir schon immer ein Auge zugedrückt. Andrea schlappt mit der Müsli-Schale in der Hand ins Wohnzimmer. Skeptisch schaut sie Chris an.

„Seid ihr verliebt?“, fragt sie.

Ich zucke mit den Schultern, während Chris ohne zu zögern „Ja!“ sagt. Ich weiß, dass ihn mein Schulterzucken verletzt. Aber Chris weiß, dass ich gerade in einer Lebenskrise stecke. Ich gehe offen damit um. Andrea hat mein Schulterzucken im Gegensatz zu Chris gar nicht bemerkt. Ihr war die Antwort gleich gewesen, sie hatte nur so gefragt. Längst ist ihr Blick gefangen vom Fernseher, den sie wie hypnotisiert anstarrt.

„Was schaut ihr denn?“, will sie wissen.

„Mach mal aus“, sage ich zu Chris. „Das ist nichts für Kinder“, sage ich zu ihr.

Andrea ist sichtlich enttäuscht. Ich weiß, wie gern sie fernsieht und wie selten sie darf.

„Es ist schon nach sechs“, sagt sie etwas motzig.

Ich erinnere mich noch gut an die unumstößliche Regel im Haus meiner Eltern: Fernsehen nicht vor 18 Uhr!

„Wir schauen gleich was“, verspreche ich. „Ich hab’ Alice im Wunderland und Dr. Snuggles. Du darfst aussuchen.“

Andrea grinst.

Da kommt Krümel aus dem Schlafzimmer angelaufen. Er hatte sich schon im Bett verkrochen, war wohl eingeschlafen. Als er Andrea sieht, schnuppert er an ihr. Dann schaut er verwirrt von ihr zu mir. Der Hund hat es also auch begriffen.

„Ich will auch einen Hund“, sagt Andrea. Sie beugt sich zu Krümel herunter und krault ihn hinter dem Ohr.

„Du hast einen Hund“, sage ich und nicke zu Krümel.

Andrea rollt mit den Augen. „Das ist doch nicht dasselbe“, sagt sie. „Ich will jetzt einen Hund, für mich. Nicht in der Zukunft. Und außerdem bist du ja nicht ich. Nicht wirklich.“

Da hat sie recht. Sie war früher schon altklug, die Kleine.

„Darf ich heute bei dir schlafen?“ Ihre Stimme ist hoffnungsvoll.

„Klar“, sage ich, „bei mir darfst du immer schlafen.“

Chris bekommt das Wohnzimmer für sich – und Andrea und ich verziehen uns aufs Sofa in meinem Arbeitszimmer. Ich klappe den Laptop auf und wir schauen zusammen Alice im Wunderland. Gemeinsam singen wir:

Was ist da passiert?
Wie kann das geschehen,
dass es im Sommer friert?
dass Uhren rückwärts geh’n?
dass man sich im Spiegel
plötzlich gar nicht mehr sieht, na nu?

Frag doch Alice, Alice im Wunderland,
Alice, Alice im Wunderland
in ihrer Welt aus Träumen und Ironie
uhuhuhu!

Das macht Alice, Alice im Wunderland,
Alice, Alice im Wunderland!
Alice mit ihrer Fantasie!

Zwischen uns liegt Krümel und ist selig, weil sein Lieblingsmensch jetzt vier Hände hat, um ihn zu kraulen.

„So ist das also, wenn ich einmal groß bin.“ An ihrem Tonfall höre genau heraus, was sie mir sagen will.

„So ist das“, antworte ich. Ich weiß selbst, dass nicht alles perfekt ist.

„Wenigstens hast du einen Hund und ein eigenes Zimmer.“

„Und Fernsehen darf ich auch, wann ich will.“ Ich verziehe den Mund zu etwas, dass ein Grinsen werden wollte, es sich aber auf dem Weg zur finalen Grinse-Form anders überlegt hat.

„Wie ist das, wenn man alles darf, was man will?“, will Andrea wissen.

„Nicht einfach“, sage ich, „Das Schwierigste ist herauszufinden, was man eigentlich will.“

„Ich weiß genau, was ich will“, sagt Andrea. Sie sieht traurig aus, ihre Augen glitzern verdächtig. Trostsuchend hat sich die kleine Kinderhand in Krümels Fell vergraben. Da fällt es mir wieder ein. Eigentlich habe ich es nie vergessen. Ist sie schon weggelaufen oder wird sie es noch tun?

Ich nehme sie in den Arm. Sie ist ganz steif. Andrea ist es nicht gewohnt, in den Arm genommen zu werden und weil sie nicht weiß, wie man darauf reagiert, hält sie still und lässt es über sich ergehen.

„Bald“, flüstere ich ihr ins Ohr. „Bald bist du frei.“

Dann schaue ich sie an.

„Wenn du zurück bist, versuch ein bisschen glücklich zu sein. Meinst du, du schaffst das? Bald sind sie nämlich nicht mehr da.“

„Was meinst du?“

„Mama, Oma, Papa … bald bist du allein und wünschst dir manchmal, du wärst es nicht.“

„Ich bin jetzt auch oft allein.“

„Ich weiß“, sage ich. „Wollen wir spazieren gehen? Mit Krümel?“ Das Thema ist mir zu schwer und ich merke, für sie ist es noch schwerer. „Du darfst auch die Leine halten“, sage ich, um sie aufzumuntern.

Andrea ist sofort dabei. Wir gehen in den Friedenspark. Ich zeige ihr meine liebsten Bäume.

Und dann ist es so weit. Sie muss nach Hause. Wir wissen beide, dass sie ohne die Erlaubnis des Vaters nicht auswärts schlafen darf und es ist schon spät.

„Versprich du mir auch etwas?“, fragt Andrea. „Versuch du selbst ein bisschen glücklich zu sein. Chris und Krümel und die Katzen, die sind ja alle auch bald nicht mehr da.“

Ich erschrecke. Sie hat recht. Die Kleine hatte schon immer Grips. Ich habe selbst lange gebraucht, um es zu bemerken. Andrea spuckt in ihre klebrige Kinderhand und streckt sie mir entgegen. Ich spucke in meine, die auch ein bisschen klebrig ist, und schlage ein.

„Versprochen“, sagen wir und sind eins.

Reflexion

Wenn ich das lese, fühle ich mich traurig und erleichtert zugleich. Ich erkenne, dass ich das verletzte Kind in mir nicht retten kann, denn seine Zeit ist längst vergangen. Trotzdem kann ich von ihm noch lernen, wenn ich meine Welt durch seine Augen betrachte. Ich möchte mehr wertschätzen, was mein Leben schön macht und diesen Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie sind nicht selbstverständlich.

Anmerkung

Diese autofiktionale Episode ist das Ergebnis der Schreibübung “Besuch von Gestern”.

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Für diesen autofiktionalen Text habe ich mich von Max Frischs Erzählung Montauk inspirieren lassen – und amüsante Lebensfragmente erinnert.

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