Eine Geschichte schreiben (2/2)

Feedback und Feinschliff

Dein erster Entwurf ist fertig. Aber deine Geschichte noch lange nicht! Nachdem ich dir im ersten Teil gezeigt habe, wie aus deiner Idee ein erster Entwurf wird, geht es nun ans Eingemachte. Im zweiten Teil erfährst du, was genau in den Meilensteinen Feedback und Feinschliff und Fertige Geschichte zu tun ist. Zu allen Schreibphasen gebe ich dir Einblick in den Schreibprozess meiner eigenen Erzählung The Marvelous Misfits of Westminster, die ich als Abschlussprojekt der Coursera-Spezialisierung “Kreatives Schreiben” verfasst habe.

Meilenstein 3: Feedback und Feinschliff

Aufgabe
Erarbeite einen zweiten Entwurf. Berücksichtige dabei das Feedback, das du erhalten hast. Wähle anschließend aus der zweiten Fassung 1-2 Seiten, die im Feinschliff besprochen werden sollen.

Herausforderung in der Feinschliff-Phase ist es, das Feedback zu nutzen, um deine Geschichte kontinuierlich zu verbessern und zu verdichten. Dabei hinterfragst du jedes Wort.

Wenn du eine Geschichte schreiben willst, die veröffentlicht werden soll, trennt sich genau in dieser Schreibphase die Spreu vom Weizen. Viele Autorinnen hören zu früh mit dem Überarbeiten ihrer Geschichte auf. Gerade Anfängerinnen holen dabei zu wenig qualifiziertes Feedback ein. Ich gebe zu: Ich war eine von ihnen. Erst zum dritten Meilenstein habe ich Neuland betreten. Allerdings war mir das erst am Ende der Feinschliff-Phase wirklich bewusst.

Während des Meilensteins Feedback und Feinschliff analysieren und verbessern deine Feedback-Partnerinnen ein bis zwei Seiten deines Texts auf der Satzebene. Das Feedback wendest du dann auf deine komplette Geschichte an. Wenn du beispielsweise die Rückmeldung erhältst, dass deine Sätze zu lang sind, solltest du das für alle Sätze überprüfen. Ich habe zu The Marvelous Misfits of Westminster das Feedback bekommen, dass ich häufig Formen des Verbs to be einsetze und stärkere Verben wählen sollte.

Während der Feinschliff-Phase habe ich nicht nur Freunde befragt, sondern mir auch Feedback von anderen Schreibenden gesucht. Am hilfreichsten fand ich die Rückmeldungen, die ich auf Scribophile bekommen habe.

Der Feinschliff war bei mir mit Abstand die längste Schreibphase. Das ist übrigens bei vielen Autorinnen so. Eine Geschichte hast du schnell geschrieben. Eine gute Geschichte allerdings nicht. Es gibt Unmengen handwerkliche Aspekte zu berücksichtigen. Und es geht immer noch ein bisschen besser.

Erst durch Feedback und Feinschliff entwickelt sich eine Geschichte weiter.

Erst indem ich versucht habe, das erhaltene Feedback umzusetzen und meine Geschichte technisch zu verbessern, habe ich verstanden, was Schreiben wirklich heißt: umschreiben und neuschreiben.

Quote by Trueman Capote: Good writing is rewriting.

Dabei wurde mir auch klar, dass ich bisher nie wirklich über den ersten Entwurf hinaus geschrieben habe. Meist habe ich meine Geschichten nach ein paar Verbesserungen für fertig erklärt. Meine Geschichten habe ich dabei meist nur ein paar Freunden gezeigt.

Dieses Mal war mein Schreibziel ein anderes: Ich wollte Schreiben lernen. Ich wollte das Bestmögliche aus meiner Geschichte herausholen. Und dabei hatte ich mir vorgenommen die gelernten Aspekte so gut wie möglich zu berücksichtigen: Plot, Figuren, Setting, Stil.

Dieses Level kannst du nur durch konstruktives Feedback erreichen. Gib darum deine Geschichte so vielen Menschen wie möglich. Je besser die anderen schreiben können, umso hilfreicher ist meist auch das Feedback, das du von ihnen erhältst. Mache dir Notizen, was deine Kritik-Partnerinnen sagen. Wäge ab, ob es ein Problem ist, dass du beheben musst oder willst.

Eigener Text

Für den Feinschliff von The Mystical Beasts of Westminster habe ich insgesamt von 25 verschiedenen Personen Feedback eingeholt:

  • 6 Peer-Reviews auf Coursera
  • 14 Kritiken auf Scribophile
  • 4 Autoren in Schreibgruppen
  • 2 Freunde

Ich habe noch nie davor so vielen Menschen eine Geschichte von mir gezeigt. Und ich habe noch nie zuvor eine Geschichte so häufig bearbeitet. Nach jeder Feedback-Phase habe ich an meiner Geschichte gefeilt.

Das würde ich auch dir empfehlen. Mache für den Anfang drei Feedback-Runden und zeige in jeder Runde etwa drei bis fünf Personen deinen Text. Nach jeder Runde verarbeitest du das erhaltene Feedback und gibst die neue Version in die nächste Runde. Gib den Text nicht immer denselben Personen, denn neuen Leserinnen fallen neue Dinge auf. So wird deine Geschichte mit jeder Runde ein Stück besser.

Teil der Feinschliff-Phase ist es, sich das Feedback unvoreingenommen anzuhören und es zu sammeln. Du kannst es in einem “Lieber Workshop”-Brief verarbeiten. Schau dir an, welches Feedback ich für meine Geschichte erhalten habe:

Meilenstein 4: Fertige Geschichte

Aufgabe
Setze das Feedback um, das du in der Feinschliff-Phase erhalten hast und erstelle die Endversion deiner Geschichte.

Bei mir gab es bis zum Endprodukt viele Feedback- und Feinschliff-Schleifen. Insgesamt habe ich neun Fassungen bis zur aktuellen Version geschrieben, die ich als Abschlussarbeit bei Coursera eingereicht habe. In dieser Phase hat die Geschichte auch einen neuen Titel erhalten:

Wenn du alle Phasen des Schreibprozesses eingehalten hast, dann hältst du nun eine fertige Geschichte in Händen. Ich würde mich freuen, wenn du deine Geschichte in den Kommentaren teilst. Poste einfach einen Link zu deiner Geschichte.

Während des Abschlussprojekts habe ich unheimlich viel gelernt – und ich hoffe, es ging dir genauso. Welche Erkenntnisse hattest du beim Schreiben deiner Geschichte? Haben dir die vier Meilensteine geholfen, deinen Schreibprozess besser zu strukturieren? Poste deine Erkenntnisse in den Kommentaren.

Meine Erkenntnisse

Meine Geschichte hat eine richtige Evolution durchlaufen. Das wird besonders deutlich, wenn man den ersten und den neunten Entwurf miteinander vergleicht:

Besonders toll fand ich zu erleben, wie sehr sich eine Geschichte durch konstruktives Feedback verbessern kann. Diesen Faktor habe ich bisher unterschätzt.

Ich war immer zu schüchtern, um meine Texte zu besprechen. Vielleicht auch, weil ich Angst vor (vernichtender) Kritik hatte. Diese Angst ist unberechtigt. Im Gegenteil: Feedback-Gruppen machen Mut! Sie zeigen, dass andere Autorinnen vor denselben Problemen stehen, wie man selbst.

Mir ist durch das Feedback auch bewusst geworden: Ich wollte eine fantastische Geschichte schreiben – aber herausgekommen ist eine ganz andere Geschichte.

In meinem Kopf hatte The Marvelous Misfits of Westminster eine fantastisches Element. Meine Feedback-Partnerinnen fanden aber, dass so wenig Fantastisches vorkomme. Das konnte ich zuerst überhaupt nicht nachvollziehen. Die Hunde haben doch außergewöhnliche Fähigkeiten!

Dann hatte ich eine Erleuchtung. Die Hunde haben für die Lesenden keine außergewöhnlichen Fähigkeiten. Denn: Ich zeige diese Fähigkeiten in der Geschichte nicht. Es steht nur zur Debatte, ob die Hunde außergewöhnliche Fähigkeit haben könnten. Und die Hauptfrage in der Erzählung ist, ob mein Protagonist (Clement) den Behauptungen von Harvey und Haimi Hunt Glauben schenkt. Mit anderen Worten: Die Geschichte ist eine Mystery-Geschichte. Das war auch der Grund, weshalb sich die Erzählung deutlich verbessert hat, nachdem ich das Mystery-Element durch den Einbau der Rahmenhandlung verstärkt habe.

Der erste Entwurf hat mir dabei geholfen, mir Klarheit über das Thema meiner Geschichte zu verschaffen. Aber erst in den vielen Überarbeitungsphasen ist es mir gelungen, dieses Thema mehr und mehr herauszuarbeiten.

Quote by Bernard Malamud: First drafts are about learning what your story is about.

Wie geht es weiter?

Meine Geschichte ist immer noch nicht ganz perfekt. Ich habe vor, sie zu veröffentlichen und möchte sie optimieren. Allerdings stellt der neunte Entwurf den Stand dar, den ich ohne professionelle Hilfe selbst erreichen konnte.

Für die zehnte Fassung habe ich mir Unterstützung eingekauft. Denn: Eine gute Lektorin macht dich auf Dinge aufmerksam, die du selbst nicht (mehr) siehst und gibt Tipps, wie du deinen Text verbessern könntest. Ich habe das Feedback notiert – und die Geschichte vorerst zur Seite gelegt. Ich glaube, sie braucht eine kurze Ruhephase. In ein paar Monaten werde ich sie wieder hervorholen und sie mit neuen Augen überarbeiten.

Dabei werde ich mir auch Gedanken machen, ob ich das fantastische Element in der Erzählung verstärke. In der Vorlage Pension Grillparzer passiert Wunderbares: ein Mann geht auf Händen, ein Bär fährt auf dem Einrad nachts den Hotelflur entlang – doch bei mir gibt es nur einen hässlichen Hund, der vielleicht, vielleicht auch nicht, Superkräfte hat.

Anmerkung

Die Inhalte dieses Blogartikels basieren auf den Materialien des Moduls “Capstone” des Dozenten Salvatore Scribona. Das Modul ist Teil der Coursera-Spezialisierung “Kreatives Schreiben”.

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