The Mystical Beasts of Westminster

The Marvelous Misfits of Westminster Beats Figuren Outline Rohfassung Erstfassung Endfassung

Rohfassung

Dieser Text ist meine Rohfassung für das Abschlussprojekt der Coursera-Spezialisierung “Kreatives Schreiben” und wurde im September 2020 zur Bewertung eingereicht.

Wetter im Februar beschreiben (kalt, nass, Schnee, windig – kurz: Sauwetter)/ Setting the scene: New York, Madison Square Garden, Hunde überall

Ich atmete tief ein, als ich über die Schwelle des Madison Square Gardens ging. Es roch nach Schweiß, Dosenfutter und nassem Hund. Wie hatte mir der Geruch seit meiner Pensionierung gefehlt. Gedämpft konnte ich schon das aufgeregte Bellen der contestants hören und die grellen Kommandos ihrer Führer. Es war wie zuhause ankommen. Meine letzte Show war fünf Jahre her. Ich hatte nicht damit gerechnet überhaupt noch einmal als Richter an der Westerminster Kennel Club Dog Show teilzunehmen. Kurzfristig war ein Kollege erkrankt und man hatte mich gebeten, zu übernehmen. Beim Gedanken an die bevorstehende Aufgabe rückte ich meine Fliege zurecht und stellte mich aufrechter hin. Erhobenen Hauptes ging ich durch die Halle, wo man mir ehrfürchtig Platz machte. Zumindest jene, die mich kannten, wussten dass ich einer der strengsten Richter überhaupt war. Bei mir kam nur Perfektion durch. Ich achtete auf jeden kleinen Fehler – bei den Hunden und bei ihren Führern. Manche hielten mich für zu streng. Aber ich nahm meine Aufgabe einfach nur ernst. Schließlich war die Westminster Kennel Dog Show eine Institution.

Um mich herum wurde getuschelt. Zuerst dachte ich, dass man über mich tuschelte. Schließlich war ich seit fünf Jahren außer Dienst. Doch einer meiner jungen Kollegen informierte mich, dass diese Jahr ein ganz außergewöhnlicher Hund teilnehmen würde. Überraschend hätte er Best of Breed in der Kategorie Toy gewonnen. Überall schüttelte man nur die Köpfe über die Entscheidung. Als ich hörte, wer diese Entscheidung getroffen hatte, stieß es wie ein eiskalter Eispickel in mein Herz. Edith!

Mein Herz donnerte gegen meine Brust und ich fühlte mich plötzlich, als müsse ich umkippen. Ich eilte in den Waschraum, spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und starrte in den Spiegel. Wir hatten uns zehn Jahre nicht gesehen. Was tat sie hier? Seit unserer Trennung vermied sie es tunlichst, mir über den Weg zu laufen. Von jeder Hundeschau, an der ich teilnahm, ließ sie sich als Richterin entschuldigen. Natürlich, sie wusste nicht, dass ich heute hier sein würde. Ich war kurzfristig für meinen Kollegen eingesprungen.

Ich prüfte den Sitz meiner Krawatte und strich mein Haar zurecht. Blass war ich, aber das war nur verständlich. Meine Hand zitterte leicht. Was sie wohl nach all den Jahren von mir denken mochte? Kritisch betrachtete ich die Falten in meinem Gesicht. Als wir noch ein Paar gewesen waren, waren es hauptsächlich Lachfalten gewesen. Doch seitdem waren Sorgen und Zornesfalten in mein Gesicht gefurcht. Ich sah verbittert aus – und ich war es auch. Ich holte tief Luft und straffte die Schultern. Es war nicht zu ändern. Außerdem sollte nicht ich mir Gedanken machen, was sie über mich denken würde – sie war mir eine Erklärung schuldig. Wenn ich ein verbitterter alter Mann geworden war, dann nur weil unsere Trennung das aus mir gemacht hatte.

Es war Zeit sich anzusehen, welches Tier meine liebe Ex-Frau zum BOB gekürt hatte. Ich drängte mich durchs Gewühl der Menschen, die entlang der Grooming-Tische damit beschäftigt waren, die Hunde herzurichten.

Einer der Tische war leer. Keine Betriebsamkeit so kurz vor dem großen Event? Das war mehr als ungewöhnlich. Ich ging näher, um zu sehen, was hier los war – da rannte mir ein umangeleintes schwarzes Monster entgegen, sprang mich an, drückte mir die tellergroßen Pfoten in die Brust und fletschte die Zähne. Ich wagte kaum mich zu rühren.

Eine kleine Dame trat aus dem Schatten des Hundes hervor. Wie sieht sie aus?

“Lucky, das ist doch keine Art einen Gast zu begrüßen“, sagte sie zärtlich. Sie tastete nach dem Halsband des Hundes, das viel zu dünn war, um einen Kraftprotz dieser Größe von irgendetwas zurückzuhalten.

Mit seiner schlabberigen Zunge fuhr mir das Biest übers Gesicht. Die Frau kicherte.

“So ist’s besser, Lucky. Ein Küsschen versöhnt jeden.“

Ich wischte mir mit dem Handrücken den Sabber von der Wange und kochte innerlich vor Wut.

“Sie wissen, dass es gegen die Regeln verstößt, einen Hund zur Veranstaltung zu bringen, der nicht im Wettkampf antritt?“ Indigniert starrte ich auf das schwarze Untier. Wie sieht der Hund aus?

Sie hob den Kopf und schaute fragend in meine ungefähre Richtung. “Wie meinen Sie das?“, fragte sie und schien eine Person anzusprechen, die links hinter mir stand. Erst da bemerkte ich, dass die Frau blind war. Das erklärte natürlich einiges. Ich spürte, wie ich rote Ohren bekam. Wie unangenehm. Hatte ich doch tatsächlich eine blinde Frau wegen ihres Begleithundes gerügt, der sie zurecht beschützte.

“Ich wusste ja nicht…“, stammelte ich verlegen.

Die Frau lachte wohlwollend.

“Da sind Sie nicht der Einzige. Lucky sieht wirklich nicht so aus, als wäre er ein Showhund. Aber glauben Sie mir, er ist ein echter Eppinger.“

Es dauerte einen Moment, bis ihre Worte vom Gehör ins Gehirn und mein Verstehzentrum gedrungen waren. Ich hatte noch nie von einer solchen Hunderasse gehört. Dann wurde mir klar, was sie gerade gesagt hatte.

“Sie meinen das…?” Verdutzt runzelte ich die Stirn und zog angewidert die Oberlippe hoch, dann besann ich mich meiner Rolle und gewann die Kontrolle über meine Mimik. Ich war froh, dass die Frau meine Gesichtsentgleisung nicht gesehen hatte.

“Sehr richtig… unser Lucky hat Best of Breed gewonnen.” Sie klopfte Lucky stolz die Flanke, während dem Hund ein langer Sabber-Faden von der Lefze troff und er mich mit seinen gelben Augen herausfordernd anstarrte.

“In der Kategorie Toy?“ Ich hatte Mühe zu verstehen, wie es sein konnte, dass ein Hund in der Größe eines ausgewachsenen Shetland-Ponys in einer Kategorie antreten und gewinnen konnte, in der sich gewöhnlich Schoßhunde befanden. Hatten sich die Regeln in den letzten Jahren so stark verändert?

”Ja, etwas ungewöhnlich. Aber Sie müssen wissen, Eppinger sind eigentlich eine ganz neue Kategorie… wir hätten ihn gerne als Spezialhund angemeldet. Doch eine neue Kategorie für ein einzelnes Tier zu schaffen, sei ganz unmöglich, sagte man uns. Nach langem Hin und Her sortierte man Lucky zu den Toy-Hunden, da Eppinger ausschließlich dazu dienen, dem Mensch rund um die Uhr Gesellschaft zu leisten. Und Sie stimmen mir wohl zu, dass in der Kategorie Toy ausschließlich Gesellschaftshunde antreten.”

Ich konnte nur wortlos nicken. Als ich sah, dass die Frau auf eine Antwort wartend an mir vorbeischaute, räusperte ich mich und warf ein “Selbstverständlich“ hinterher. Ich kommunizierte nicht oft mit blinden Personen.

Noch immer ratterte es in meinem Gehirn. Wie hatte Lucky gewinnen können? Er sah aus wie ein verlauster Straßenköter. Was war zwischen gestern und heute mit dem Hund passiert, dass er so ungepflegt aussah? Ich bezweifelte zwar, dass er in herausgeputztem Zustand viel schöner aussah – aber ich bezweifelte noch vielmehr, dass Edith einen Hund in diesem Zustand auch nur antreten lassen würde. Wir hatten ziemlich ähnliche Vorstellungen von Gewinnern und früher, als wir zusammen auf Hundeshows Richter waren, kamen wir immer zum selben Ergebnis. Es war unser Ding gewesen, den Gewinner auf Zettel zu schreiben und diese hinterher zu vergleichen. Kein einziges Mal in zehn Jahren Ehe war es vorgekommen, dass auf den Zetteln verschiedene Namen gestanden hatten.

“Da will ich Sie nicht weiter stören. Sollten Sie Hilfe benötigen beim Groomen des Tieres…“ Natürlich war es sehr ungewöhnlich, einem Aussteller Hilfe anzubieten. Aber ich war mir sicher, dass man im Falle einer blinden Person durchaus eine Ausnahme machen konnte.

“Oh, das ist sehr aufmerksam von Ihnen. Aber wir sind startklar.“

Erneut schlich sich ein Runzeln auf meine Stirn und ich hatte Mühe, meine Mimik unter Kontrolle zu halten. Ob die Dame nicht wusste, wie ungepflegt ihr Hund aussah? Sie wusste natürlich nicht, wie die anderen Hunde hergerichtet wurden. Vielleicht hatte sie noch nie das flauschige Fell gebürsteter Pudel berührt, noch nie den Duft eines frisch gewaschenen Collies gerochen.

Sie interpretierte mein Schweigen korrekt.

“Denken Sie nicht, ich wisse nicht, wie mein Lucky aussieht nur weil ich blind bin.“ Sie streichelte ihm das Ohr, ich folgte der Bewegung ihrer Hand und sah erst jetzt, dass dem Hund ein Stück Ohr fehlte.

“Eppinger sind nicht wie andere Rassen. Sie sind speziell…”

“Offensichtlich“, sagte ich trocken. Dann besann ich mich meiner richterlichen Neutralität. Jede Rasse hatte es verdient, ernst genommen zu werden. Interessiert betrachtete ich Lucky näher um herauszufinden, was wohl die Rassestandards sein könnten.

“Was genau zeichnet denn einen Eppinger aus?”

“Seine inneren Werte“, die Frau geriet ins Schwärmen. „Eppinger haben Fähigkeiten, die sie zum Wohle der Menschen, die sie begleiten, einsetzen. Lucky war der erste Hund, bei dem wir diese Fähigkeiten festgestellt haben – und seitdem züchten wir diese Hunde. Wir suchen überall auf der Welt nach Hunden mit speziellen Fähigkeiten, die wir in unsere Linie einkreuzen. Wir waren schon überall. Sie glauben gar nicht, was diese Tiere können. Meistens achtet man ja nur aufs Aussehen – aber uns geht es um mehr, das Herz, die Seele und die Taten. Wie züchten Hunde, die von innen schön und gut sind. Die das Herz von Helden haben.“

„Und was ist Luckys spezielle Fähigkeit?“, fragte ich.

„Unter anderem kann er Gedanken lesen und teilt mir gerade mit, dass Sie nicht gerade begeistert von ihm sind und uns für Spinner halten“, sagte eine kratzige dunkle Stimme hinter mir. Erschrocken drehte ich mich um und stieß einen kleinen Schreckschrei aus, als ich die Gestalt hinter mir erblickte. Ihre Zähne waren unbedeckt, es troff ihr Speichel aus dem Mund. Ein Büschel Haare wuchs von der Seite, der Rest des Kopfes war kahl. Die Haut des Mannes war rot und narbig. Ich war noch nie einem derart entstellten Menschen begegnet und schämte mich für meine Reaktion. Zum zweiten Mal an diesem Tag liefen mir die Ohren rot an, wie einem kleinen Jungen.

Väterlich klopfte mir der alte Mann auf die Schulter.

“Darf ich mich vorstellen, Harvey Hunt. Und das ist meine Gattin Haimi. Wir sind die Züchter der Eppinger und stolze Besitzer von Lucky.“

Ich konnte nicht mehr als den Mann wortlos anstarren. Meine Reaktion war mir äußerst unangenehm, doch mir fehlten die Worte. In meinem Gehirn war nur eine große Leere.

„Schon gut, mein Junge. Sie sind nicht der erste, der sich über mich erschreckt und werden sicher nicht der letzte sein. Auf dem Weg hierher sind bestimmt drei Kinder schreiend weggelaufen.“ Ein eigenartig heiseres Geräusch kam aus seiner Kehle und ich brauchte ein bisschen, bis ich merkte, dass es ein Lachen war.

„Wie ich sehe, durften Sie unseren Lucky schon kennenlernen.“ Dann senkte er verschwörerisch die Stimme. „Lucky verrät mir gerade, dass Ihnen das alles unangenehm ist… wie ich aussehe, dass Lucky um Ihre Gedanken weiß. Aber wissen Sie, das geht den meisten so, wenn Sie uns zum ersten Mal begegnen. Der göttliche Funke ist für die meisten nur als theoretisches Konstrukt erträglich. In der Realität… tja… da bekommen die Menschen Angst oder wollen es nicht glauben. Ich habe auch lange gebraucht, um Lucky als das zu sehen, was er ist…“

Ich räusperte mich. „Und was wäre das?“

Der Mann zwinkerte mir zu. „Das können Sie nur für sich selbst beantworten. Lucky ist für jeden Menschen etwas anderes. Uns hat er eine Mission gegeben und uns die Augen geöffnet für die unerklärlichen Dinge im Leben. Wissen Sie, eigentlich sind nicht wir die Züchter. Lucky ist es selbst. Er bringt uns auf die Spur von besonderen Hunden. Und mit jeder neuen Generation, werden die Eppinger besonderer.“ Er tätschelte Lucky den Kopf. „Und nicht zuletzt verdanke ich ihm mein Leben. Hätte er mich nicht aus den Flammen gerettet, stünde ich heute nicht vor Ihnen.“

Ich starrte ungläubig zwischen dem Mann und Lucky hin und her. Ja, der Hund war groß. Aber einen ausgewachsenen Menschen aus dem Feuer zu schleifen, dazu war er nicht stark genug.

„Und wie genau hat er das geschafft?“, fragte ich skeptisch.

„Er hat mich hochgehoben und rausgetragen.“

Wollten mich diese Leute auf den Arm nehmen? Ich starrte um mich, auf der Suche nach einer versteckten Kamera und Leuten, die sich ein Kichern ob dieser abstrusen Geschichte nicht verkneifen konnten.

„Natürlich war ich damals wesentlich kleiner und hatte ein paar Pfund weniger auf den Rippen“, der Mann schlug sie wohlwollend auf den dicken Bauch.

Als der Mann meinen ungläubigen Blick sah, lachte er erneut keuchend.

„Ich war ein Baby! Selbstverständlich könnte mich Lucky nicht in meiner jetzigen Form auch nur irgendwie wegbewegen.“

Mir entgleisten die Gesichtszüge immer weiter und es kostete mich meine ganze Anstrengung, Fassung zu bewahren ob dieses Bären, der mir offensichtlich hier aufgebunden werden sollte.

„Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass derselbe Hund sie aus dem Feuer gerettet hat als sie ein Baby waren? Sie sind doch sicherlich über 60 Jahre alt.“

„Ich bin 71“, der Mann verzog seinen lippenlosen Mund zu etwas, das wohl ein Lächeln darstellen sollte. „Und um Ihre Frage zu beantworten. Ja und nein. Lucky hat damals meine Rettung nicht überlebt. Er hatte zu starke Verbrennungen und ist direkt nach meiner Rettung gestorben.“

Ich seufzte innerlich auf. Sie waren doch nicht ganz verrückt. Bestimmt nannte er jeden Hund Lucky, in Gedenken an diesen einen. Ich war gerade wieder mit der Welt versöhnt, als Haimi mich fragte:

„Glauben Sie an Wiedergeburt?“

Ehe ich antworten konnte, trat sie einen Schritt näher. Sie stand direkt vor mir. Sie hielt mir die Hände vors Gesicht: „Darf ich?“

Die Situation war mir unangenehm, aber ich wollte auch nicht unhöflich erscheinen. „Selbstverständlich“, sagte ich daher offener als ich mich fühlte. Ihre Hände rochen nach nassem Hund. Sie glitt über meine Brauen, die Wangen, den Mund – dann ertaste Sie die Falten auf meiner Stirn und schien darin zu lesen, wie aus einer Hand. Sie nahm ihre Hände zurück und stellte sich neben ihren Mann.

„Ich habe auch gezweifelt. Mehr noch. Bevor ich Harvey kennenlernte, war ich sogar verzweifelt. Er hat mir Hoffnung gegeben. Sie müssen wissen, ich war nicht immer blind und ich hatte schwer an Gott gezweifelt, als ich mein Augenlicht verlor. Doch dann lernte ich Harvey kennen und lieben.“

Harvey schaute seine Frau liebevoll an und legte den Arm um sie. Sie wischte ihm zärtlich den Speichel von den Lippen, eine Geste, die so flüssig war, dass sie wohl widerspiegelte, dass es eine alltägliche Geste von ihr war. Ich fragte mich, ob Haimi sich auch in ihren Mann verliebt hätte, wenn sie ihr Augenlicht nicht verloren hätte. Kaum hatte ich den Gedanken gefasst, schämte ich mich schon dafür. Misstrauisch schaute ich zu Lucky, der aber hatte sich auf einem viel zu kleinen Hundebett, das unter dem Grooming-Tisch stand, zusammengerollt und schnarchte.

„Durch ihn weiß ich, dass es eine höhere Macht gibt – und wir eine höhere Bestimmung haben. Es steht alles hier.“ Sie knöpfte die drei obersten Knöpfe seines Hemds auf und fuhr über das große Narbengewebe, das sich auf seiner Brust befand. Schon hatte sie auch meine Hand ergriffen und presste sie auf Harveys Haut. Instinktiv zuckte ich zurück, doch sie hielt mich mit erstaunlicher Kraft fest.

„Schließen Sie die Augen. Nur dann können Sie es sehen.“

Ich hätte sie gerne offen gehalten, doch ich befürchtete, dass ich dann noch länger meine Hand auf seiner entstellten Haut lassen müsse.

Blind tastete ich über das Narbengewebe, dass sich unerwartet zart und weich an, als müsse sie zerspringen. Dazwischen waren vernarbte Linien und knorpelige Hubbel. Es war ein eigenartig intimer Moment und mir war, als täte ich etwas Verbotenes. Dennoch tasteten meine Hände wie von einer fremden Macht geführt über die nackte Haut von Harvey, erforschten sie, als suchten sie etwas.

Haimi seufzte enttäuscht und ließ meine Hand los. „Sie spüren es nicht, oder?“

Ich schüttelte den Kopf, öffnete die Augen und nahm die Hand weg. Unwillig dieses Mal.

“Viele sehen in Harvey nur einen bedauernswerten Menschen. Aber niemand muss ihn wegen seines Unfalls bedauern. Er ist eine ganz wunderbare Geschichte!“

„Wie meinen Sie das?“

Harvey knöpfte sein Hemd zu.

„Erst durch Haimi weiß ich, dass alles vorherbestimmt war. Mein Unfall, Lucky, dass ich Haimi begegnet bin. Die Verbrennungen… sie haben etwas in meine Haut gebrannt.“

Haimi flüsterte in mein Ohr „Er ist eine Prophezeiung und diese Prophezeiung hat auch Sie hierher geführt. Ihr Name ist in seine Haut gebrannt.“

Ich wollte gerade erwidern, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt hatte, da wurde ich von Stimmen hinter mir abgelenkt. Ich drehte mich um und die Hunts waren vergessen. Eine Gruppe anderer Richter war zum Tisch der Hunts gekommen – und zwischen ihnen: Edith. Ich hatte versucht, mich für den Moment zu wappnen, an dem wir uns wiedersehen würden. Aber als ich sie vor mir stehen sah, Notizbuch in der Hand, vertieft in ihre Aufzeichnungen, die sie sich zu jedem Teilnehmer zu machen pflegte, war ich schutzlos. Ich wäre gerne weggerannt, hätte mich gern versteckt, bevor sie aufschauen und mich sehen würde. Aber ich riss mich zusammen. Immerhin war nun genau der Moment gekommen, den ich so lange versucht hatte zu erzwingen: unsere erste Begegnung seit ihrem spurlosen Verschwinden aus meinem Leben. Der Schrecken musste mir ins Gesicht geschrieben sein.

Haimi fragte mich etwas, das besorgt klang. Doch ich hörte nur das angestrengte Pochen meines Herzens, dass mich mit seinem Dröhnen betäubte.

Als Edith von ihrem Notizheft aufschaute, trafen sich unsere Blicke. Während mir der Boden unter den Füßen wegzubrechen schien, nickte sie mir nur höflich zu. Ihre Augen spiegelten keinerlei Emotion wider. Kein Zeichen eines schlechten Gewissens, kein Anzeichen von „Es tut mir leid“ oder „Wie welch eine Überraschung dich hier zu sehen“. Sie tat gerade so, als wäre ich nur ein entfernter Bekannter. Ihr Verhalten fühlte sich wie ein Schlag in die Magengrube an. Ich hatte so lange versucht, mit ihr im gleichen Raum zu sein. War auf allen Hundeshows gewesen, auf denen wir früher zusammen als Richter waren. Edith dagegen hatte alles getan, um das zu vermeiden. Jemand verriet mir, dass sie ausdrücklich darum gebeten hatte, nicht dieselben Shows zu beurteilen wie ich.

Es tat weh, sie zu sehen. Für eine Sekunde. Dann wurde ich wütend. Ich hätte sie gerne geschüttelt, ihr alles ins Gesicht geschrieen, was sich in den letzten zehn Jahren in mir aufgestaut hatte. Ich wünschte, ich wäre der Mensch für dramatische Szenen gewesen, für die sich alle Betrachter fremdschämten. Aber ich war mir des Ortes mehr als bewusst. Mit zusammengebissenen Zähnen erwiderte ich ihr Nicken und wandte den Blick ab. Die anderen Richter begutachteten Lucky.

„Wir versuchen, mit unserer neuen Rasse einen ganz anderen Weg zu gehen. Statt auf Aussehen und Verhalten zu züchten, züchten wir auf außergewöhnliche Seelen“, sagte Haimi gerade und ich spielte mit dem Gedanken zu gehen, da ich die seltsamen Ausführungen der Hunts bereits gehört hatte. Doch Ediths Stimme hielt mich zurück.

„Ist das nicht ein bemerkenswertes Bestreben?“, fragte Edith in die Runde. Sie ging neben Lucky in die Hocke und tätschelte ihm den Kopf. Ich konnte an dem Schimmern in ihren Augen erkennen, dass sie fasziniert war. Und ich konnte aus den teils verständnislosen, teils unangenehm berührten Blicken meiner Kollegen lesen, dass diese ihre Faszination nicht teilten, ja, ihre Entscheidung diese Promenadenmischung zum Best of Breed zu küren mehr als unverständlich fanden.

„Sie sehen nicht besonders aus“, wagte ein jüngerer Kollege zu bemerken.

„Genau das ist der Punkt!“, sagte Haimi begeistert, gerade so, als hätte der Kollege eine sehr intelligente Beobachtung gemacht.

Sie erzählte ihm etwas über die Vorzüge der neuen Rasse, aber ich hörte nicht zu. Mein Blick richtete sich auf Edith, die mit beiden Händen durch das Fell von Lucky raufte. Sie war so schön wie eh und je, was mich noch wütender machte. Seit sie mich verlassen hatte, hatte ich die meisten meiner Haare verloren. Die übrigen waren grau geworden. Außerdem hatte ich um die Taille herum etwas zugenommen. Offensichtlich war ich zu einem Mann geworden, der seine besten Jahre hinter sich hatte. Doch sie schien ihr ganzes Leben noch vor sich zu haben. Hatte sie mich überhaupt vermisst? Hatte sie um uns getrauert?

Die Plötzlichkeit unserer Trennung ist mir noch frisch in Erinnerung. Es war eine traumatische Erfahrung. Ich ging duschen, Edith bereitete in der Küche das Abendessen vor. Wir hatten geplant, an diesem Abend ins Kino zu gehen. Als ich die Treppe hinunterkam, standen die Töpfe noch auf dem Herd. Das Essen war angebrannt – und Edith war nirgendwo zu finden. Zuerst durchsuchte ich das Haus, rief ihren Namen und dachte, sie spiele mir vielleicht einen Streich und habe sich versteckt. Als ich sie nicht finden konnte, machte ich mir Sorgen. Ihre Schuhe und ihre Jacke fehlten, also dachte ich, sie könnte nach draußen gegangen sein. Ich streifte die ganze Nacht durch die Straßen, rief Freunde und Nachbarn an. Niemand hatte sie gesehen. Sie war einfach verschwunden. Achtundvierzig Stunden rief ich die Polizei.

Sie war einen Monat verschwunden, als ein Polizist an die Tür unseres Hauses klopfte. Mir blieb das Herz stehen und in mir drinnen schrie eine Stimme wieder und wieder “Das ist alles nicht wahr“. Alles fühlte sich an wie im Filmen, einem ohne Happy End. Ich stand nur wie versteinert in der Tür. Hörte gar nicht, was der Polizist mir sagte. Es dauerte eine Weile, bis bis zu mir durchdrang, dass man Ediths Leiche nicht in irgendeiner Müllhalde gefunden hatte.

„Sir, haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“ Der Offizier sah besorgt aus.

„Ihrer Frau geht es gut“, sagte er.

„Sie will aber keinen Kontakt mit Ihnen. Sie hat Sie verlassen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wo ist sie?“, sagte er.

„Diese Information darf ich Ihnen leider nicht weitergeben, Sir.“

„Sie ist meine Frau. Wir waren glücklich. Warum ist sie weggelaufen?“

Der Offizier presste die Lippen zusammen. Er wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte. Stattdessen gab er mir eine Visitenkarte.

„Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen dort an, Mr. Underwood.“

Ich starrte auf die Karte in meinen Händen. Es war die Nummer eines Psychologen.

„Es tut mir sehr leid, Sir.“ Der Beamte drehte sich um, stieg in sein Auto und das war’s.

Eine Woche später wurden mir die Scheidungspapiere zugestellt. Ich hatte gehofft, Edith vor Gericht zu sehen. Aber sie kam nicht. Vielleicht hatte sie Angst, ich würde eine Szene machen – und das zu Recht. Ich hatte die Absicht, sie mit allem zu konfrontieren, vor allem mit meinem Schmerz und meiner Wut und meinem Unverständnis. Sie gab mir in der Scheidung alles, außer der einen Sache, die ich wollte. Sie zeigte sich nicht und gab kein Gespräch zwischen uns. Ich sah sie nie wieder. Sie war aus meinem Leben verschwunden – bis heute.

Ediths Begeisterung für Lucky ließ mich innerlich erstarren. Niemals würde ich zulassen, dass dieser Hund zum besten der Show gekürt würde!

Die Gruppe der Richter wollte gerade zum nächsten Tisch weitergehen, da riss sich Lucky los und stürzte sich auf Edith. Mit seinem großen Gebiss umklammerte er ihren Arm. Er hatte nicht fest zugebissen, aber es war auch schnell klar, dass er nicht vorhatte sie loszulassen – und dass Edith es mit der Angst zu tun bekam.

Es gab bereits erste Tumulte, Kollegen und andere Aussteller, die Edith zu Hilfe eilen wollten. Doch Harvey hatte sich schützend vor Lucky und Edith gestellt.

“Ich bitte Sie, bleiben Sie ruhig. Es ist alles in Ordnung“, sagte er zur Menge, die sich um die Szene versammelt hatte.

Zu Edith sagte er: „Bitte halten Sie still, damit sie sich nicht an seinen Zähnen verletzen. Er tut Ihnen nichts, versprochen.“ Dann beugte er sich zu Lucky hinunter und flüsterte in das Ohr des Hundes.

„Er wird Sie loslassen. Aber zuerst müssen Sie hören, was er Ihnen zu sagen hat. Versprechen Sie zu bleiben, wenn er sie loslässt?“ Edith war ganz blass. Sie nickte. Lucky ließ los und Edith rieb sich den unverletzten Arm.

Einer der anderen Richter mischte sich ein: „Was fällt Ihnen ein? Das Tier sollte einen Maulkorb tragen. Sorgen Sie sofort dafür, dass Ihr Hund die Dame loslässt. Man sollte Sie disqualifizieren.“

Doch es war Edith selbst, die Lucky in Schutz nahm.

„Er hat mir nicht gebissen.“ Sie hielt ihren Arm hoch, so dass jeder sehen konnte, dass sie unverletzt war. „Ich habe mich nur erschrocken. Es ist alles okay. Bitte gehen Sie ohne mich weiter. Ich regle das mit Herrn Hunt.“

Natürlich ging niemand weiter. Alle warteten gespannt, was als nächstes passieren würde. Was hatte der Hund Edith zu sagen? Es war fast so, als würde die Menge darauf warten, dass Lucky das Maul öffnete und Worte daraus erklangen. Es herrschte angespannte Stille. Dann sprach Harvey:

„There once was a little girl named Edith who loved a very special dog. It was a stray whom she had found wandering, nearly starved in the streets of London. She named it Bjork. The girl begged her parents to let her keep it. They allowed it and the girl had found a loyal friend – until England declared War to Germany. It was end of September 1939 when the girl’s parents came for Bjork. “Stay here. What has to be done is nothing a little girl should see.“ Her father sounded tired, and her mother’s eyes had a sad look on her eyes.

“Where are you taking Bjork? Why can’t I come?“

The girl’s mother bend down to her.

“We are in War now, Dear. Dogs are not made for war. Bjork is going to a better, a more peaceful place.“

All the girl understood was that Bjork wouldn’t be coming back. She cried. Her mother hugged her, then they left and took the dog with them.

The girl did not listen to her parents. She followed them on bare feet. Followed them until they came to a dog shelter. She hid in the shadows and waited. Her parents went in with Bjork, and came out without her. Her mother was sobbing and her father hugged her. They stood there for quite a while, leaning against each other. When finally they left, Edith walked around the house to find a back door to sneak in. She was determined to get Bjork back. She did not find a back door. She found a back yard, and in the back yard there was a terrible pile of bodies. Dead dogs and cats were piled up and starring at her with dead eyes. And on top of it lay Bjork. What once had been the only happy thing in her life now lay there like a piece of trash. Edith was not supposed to look. She knew that this pile was not meant for little kid’s eyes. But she couldn’t help it. She just stood there, frozen. Starring at her dead dog until her parents found her.

Something inside of her had turned into a pillar of darkness that day. She was never the same after. She wouldn’t talk anymore. After the war—Edith had lost both her parents in an air raid—the people in the orphanage thought it had been the terrors of war that had made her dumb. As time heals all wounds or at least makes you forget, Edith got better, too. When she was a teenager and under the loving care of her adopted family, she began to talk again. But never about what had happened in the war. The memory of Bjork and all the other pets had faded, almost. A shadow of what had happened lurked in the darkest corner of her mind, a place Edith did never go.

She grew up to be quite a happy woman. That was until she got pregnant. The day she found out she was carrying a child under her heart, the pillar of darkness came alive and crept out of its hiding spot. The dark thing had Bjork’s eyes, and suddenly Edith remembered it all. Bjork was expecting puppies when her parents brought her to the killing shelter. It took a lot of medicine to push the dark thing back to were it came from. But retract it did. It crept back into the shadow and only stared at Edith. Her therapist said, this was a success. Edith said nothing and tried to be a good mother to her little girl. When the girl was all grown up, starting her own family, Edith stopped taking the pills. It was her daughter who found her in the bathtub, wrists slit.“

Harvey verstummte. Edith war leichenblass geworden, her lower lip was trembling.

„Does this story mean anything to you?“, asked Harvey.

Edith shook her head.

„You should not tell such horrible stories, Mr. Hunt“, she said cooly. Then she looked at Lucky. „Maybe I was mistaken after all. There is nothing special about this mongrel. Don’t count on my vote to win Best of Show.“ Then she rushed away.

Haimi came over to Harvey. She hugged him and put her hand under his shirt on the place she had shown me before. She whispered something in Harvey’s ear.

Die anderen Richter entfernten sich langsam, schüttelten den Kopf und sagten, dass ein solches Verhalten höchst unangemessen sei.

„What has Westminster become to, a gipsy circus?“, I heard someone say.

I was left alone with the Hunts and their dog. Haimi saw me and said: „The truth is sometimes unbearable. Do we have your vote, Mr. Underwood? It is all written in his skin. Lucky will get Best of Show if you help us. Will you help us?“

„Should your dog persuade the judges in the ring, then he will be named the winner. But honestly, I cannot think how this is supposed to happen. Certainly not with circus tricks.“ I wanted to go after Edith, look if she was okay. But one question held me back.

„Why is it so important to you to win Best of Show after all? Isn’t it enough you won best of Breed? Believe me that is already a better result than Lucky was ever going to get.“

Haimi seufzte. „It’s because of Lady Winthrop. She only wants her Salvatora breed with Westminster winners.“

Ich dachte bei der Zucht der Eppinger zählten vor allem innere Werte, nicht äußere“, sagte ich verächtlich.

Salvatore Rarebit hatte schon zweimal —und zurecht— bester Hund der Show gewonnen. Es war mir ein Rätsel, dass sich Lady Winthrop überhaupt auf einen solchen Handel mit den Hunts eingelassen hatte. Wahrscheinlich, weil ihr der Gedanke, Lucky könne Westminster gewinnen, ebenso absurd vorkam, wie jedem anderen, der Lucky sah—und wohl um die Hunts loszuwerden, die sehr beharrlich sein konnten.

„Gerade deshalb! Wissen Sie, Bjork ist damals nicht gestorben.“

„Sie meinen diese Geschichte war nicht erfunden?“

Haimi schüttelte den Kopf. „Man hatte die Hunde damals mit Chloroform getötet. Als Bjork zum Einschläfern gebracht wurde, war es schon zur Neige gegangen. Die Dosis war zu gering. Ein paar Stunden später ist sie wieder aufgewacht. Sie hat die anderen überlebenden Hunde in den Epping Forest geführt. Sie war die Urahnin eines großen Rudels, das dort bis in die 80er Jahre lebte. Auch Lucky stammt von ihr ab.“

„Wenn das tatsächlich stimmen würde, hätte man dann nicht schon einmal davon gehört?“

„Nicht von allem, was stimmt hat man schon gehört. Außerdem gibt es das Rudel schon lange nicht mehr. Die Hunde wurden alle erschossen, alle bis auf einen.“

Haimi blickte zu Lady Winthrop, die gerade ihren Terrier bürstete.

„Sie hat die Hündin Salvatora Rarebit genannt, weil sie ihn auf einem Spaziergang durch den Epping Forest aus einem Hasenloch gerettet hat.“

„War er dort hineingefallen?“

„Sie hatte sich dort versteckt. Salvatora kann bevorstehendes Unheil riechen und wusste, dass die Jäger kommen. Aus der Verbindung zwischen Lucky und Salvatora wird ein äußerst wichtiger Hund geboren.“

„Und was hat das Ganze mit Edith zu tun?“, fragte ich.

Haimi schaute mich verwundert an. „Es ist ihre Geschichte.“

Nun war es mir endlich genug. „Sie sind doch verrückt. Edith wurde 1970 geboren. Vielleicht erzählen Sie jemand anderem Ihre Ammenmärchen. Mit meiner Hilfe brauchen Sie aber nicht rechnen!“ Ich stampfte davon. Edith hinterher. Ich wusste genau, wo sie hingehen würde, wenn sie allein sein wollte.

Ich fand Edith auf einer Treppe sitzend, die zu den Mülltonnen führte. Sie saß zusammengekauert, die Arme fest um die Knie geschlungen. Ihre Augen waren aufgequollen von den Tränen. Als die Tür hinter mir zufiel, schaute sie hoch.

„Du“, schniefte sie und wischte sich mit dem Ärmel ihrer Weste unter der Nase entlang. Dieses du war eine Feststellung – und in ihm klang alles mit, was ich mir so lange von ihr erhofft. Es war ein entwaffnendes du. Edith wirkte mit einem mal viel jünger auf mich, fast so jung wie sie war, als wir uns vor Jahren kennengelernt hatten. Es hatte schon immer einen großen Altersunterschied zwischen uns gegeben, der uns aber nicht weiter gestört hatte. Doch in ihrer Verletzlichkeit erschien sie mir unüberbrückbar jung. Sie war ein Mädchen und ich ein alter Mann. Ich setzte mich neben sie und spürte die Wärme, die ihr Körper abgab. Gerne hätte ich sie in den Arm genommen, doch ich wagte es nicht. Wortlos reichte ich ihr mein Taschentuch, das stets frisch gewaschen und akkurat gefaltet seinen Platz in der Brusttasche meines Sakkos hatte. Für Fälle wie diesen, die leider viel zu selten eintraten.

Wortlos nahm sie es entgegen, tupfte sich die Augen ab und sneutzte kräftig hinein. Ich musste schmunzeln. Sie hatte sich nicht verändert. Auf einmal erschien mir die Zeit wie zurückgedreht, die alte Vertrautheit zwischen uns war wieder da. Ich strich ihr eine Haarsträhne, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte, hinters Ohr.

„Willst du es mir jetzt verraten?“

Edith schluchzte erneut los und der Schmerz verschlug ihr die Sprache.

„Es tut mir leid. Alles. Ich hatte nur solche Angst!“

„Aber weshalb denn? Vergiss diese Geschichte einfach. Diese Leute sind Verrückte.“

Edith schüttelte stumm den Kopf. Dann schaute sie mir direkt in die Augen. Ihre Augen wirkten wie ein tiefer See – und darin war eine ertrinkende Seele, die Rettung suchte.

„Alles, alles war wahr…“

Ich runzelte die Stirn – und Edith interpretierte mein Unverständnis richtig.

„Die Edith aus der Geschichte. Sie war meine Großmutter. Meine Mutter hat mich nach ihr benannt. Meine Mutter hat mir nie viel über ihre Mutter erzählt. Ich wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste – so schrecklich, dass sie darüber schweigen musste. Eigentlich weiß ich nichts über meine Großmutter außer dass ihr Name Edith war.“ Sie starrte ins Leere als suche sie dort eine längst vergangene Zeit.

„Warum bist du dir dann so sicher, dass die Edith aus der Geschichte deine Großmutter war?“

„Weil auf einmal alles einen Sinn ergibt. Was mit Mama war“, sie stockte. „Was mit mir ist.“

„Deine Mutter war eine unglückliche Person. An dem, was passiert ist, hatte niemand Schuld. Du am allerwenigsten.“ Ich wusste, dass Edith Schuldgefühle plagten. Ihre Mutter, Margaret, hatte sich umgebracht, als Edith Sechzehn war. Vier Jahre bevor wir uns kennengelernt hatten. Edith sprach selten darüber. Doch wenn sie es tat, machte sie sich Vorwürfe, weil sie ihrer Mutter nicht geholfen hatte – und auch, weil sie glaubte, der Grund für das Unglück ihrer Mutter zu sein. Ihre Mutter war ungewollt schwanger geworden und ihr Vater hatte sie gezwungen, den Mann zu heiraten. Edith kam zwei Monate nach der Hochzeit zur Welt. Es war nicht so, als wäre Ediths Vater ein schlechter Mensch gewesen. Aber Henry liebte Ediths Mutter nicht – und Margaret hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie hatte davon geträumt das Land zu verlassen, Abenteuer zu erleben, frei zu sein. Nun fand sie sich gefangen in einem Leben, das sie nicht wollte und mit dem sie sich nicht arrangieren konnte. Edith hatte ihre Mutter nie glücklich erlebt. Während Henry früh aufgegeben hatte, seine Frau aufzumuntern, hatte Edith immer wieder den Kampf mit den Windmühlen der mütterlichen Depression aufgenommen. Eines Tages hatte sie diesen endgültig verloren. Margaret hatte Selbstmord begangen.

„Ich habe dir nie erzählt, dass ich es war, die sie gefunden hat.“

Ich starrte Edith an.

„Das ist ja schrecklich.“ Ich nahm sie in den Arm und drückte sie fest an mich. Sie weinte lange und ich strich ihr übers Haar.

Als wir unsere Umarmung lösten, war alles weg, was zwischen ihr und mir gestanden hatte. Mein Groll, meine Wut, mein Unverständnis.

Vor mir saß ein verletztes Wesen – und ich verstand, dass sie mir nie hatte wehtun wollen.

„Es gab einen Brief. Ich habe ihn nie jemanden gezeigt und nach dem Lesen direkt verbrannt. She was warning me, that the shadow comes with a child. All I understood was that she was blaming me for her misery. That it was my fault. But then, that night I left you, I saw it for the first time, the shadow. It had not taken full form yet… it was still kind of see-through. But there was definitely something darker in the shadows, lurching, staring, waiting. I knew immediately what it meant. My mother had been right all along. She was’t trying to blame me, she was wanted to warn me – because she loved me. I had to know. So I took my shoes and jacket and went to the pharmacy to get a pregnancy test. I took it in the restroom of the pharmacy and it was positive. I could not come back, I just could not. So I left.“ Edith was crying again.

I sat there in deep shock. We always had wanted a child, tried for so long. We sat there in silence before I could muster up the courage to ask: „What happened to our child?“

„I had an abortion.“ She looked at her hands which she had intertwined as if in prayer, but her knuckles were all white because she was pressing them together so hard.

I put my arm around her and said: „It’s okay.“

She shook her head. „It isn’t“, she whispered. „It isn’t gone.“

„The child?“

She shook her head again and pointed to a dark spot in the corner. „The shadow. It has followed me ever since and I know that someday, it will eat my life. As it has eaten my mother’s, and —as I know now— the life of her mother, too.“

I was looking in the direction Edith was pointing, but saw nothing. Only a dark corner, nothing unusual – but not a spot that I would have liked to be in either.

„How can that be? If the shadow is connected to a child…“

„But don’t you see? Maybe it isn’t…“ She looked at me with wide eyes.

„What do you mean?“

She put her mouth very close to my ear, her warm breath making me shiver. Then she whispered „What if it is the pillar of darkness, that came loose after my grandmother got pregnant? What if it has nothing to do with being pregnant after all. What if it only comes alive because I have inherited it, like an original sin? For killing that bitch with all the little ones in her belly?“

Somebody opened the door and brought out the trash – and the intimacy of the moment was gone. Ich konnte förmlich fühlen, wie Edith wieder die Schutzwälle um sich herum errichtete. Sie verzog den Mund zu einem schmerzlichen Lächeln.

„Well, that’s not your problem anymore, isn’t it. I am not your problem anymore.“ She stood up and handed me the used handkerchief. „Thanks for listening anyways. I hope you can forgive me, now you understand. Even if I cannot ever forgive myself.“

She went up the stairs but I took her arm and held her back.

„Edith, you know that I still love you. I’ll always be there for you if you let me.“

She looked back at me over her shoulder. For a moment I thought she would give in, but then she seemed to see something behind me, her eyes got that scared look she had when she pointed to the corner. I knew the shadow was behind me.

Sie schüttelte meinen Arm ab und schüttelte den Kopf.

„This part of our story is over. I cannot ever be like it was before. I can’t.“

Then she looked over my shoulder again, staring at the thing only she could see.

„Don’t worry, there’s still some punches in me. I won’t let it eat my life… not yet at least.“ With that she left. I searched for her but my colleagues told me that she had excused herself because she felt sick. Since I was the next in line regarding experience, it was me who judged the dogs in the final event of the day.

Seven month later, the door bell rang on Edith’s apartment. When she opened the door, nobody was standing in front of her door – but there was a box, and it wiggled slightly. She opened the lid and two large yellow-brown eyes were looking at her. What does the dog look like? It is a little ugly.

It wore a big collar with a name tag in form of a bone. On it was written a name, Hope.

She looked at the card that came with the puppy.

„Now you will always have Hope in your life. She’s special. I’ve made sure of it. Love, Clement.“

To-Dos

  • sobald eine Person auftaucht: beschreiben, wie sie aussieht
  • jeden Ort beschreiben
  • jeden Hund beschreiben

Anmerkung

Auf The Story To Be geht es darum, den Entstehungsprozess beim Schreiben sichtbar zu machen. Deshalb zeige ich Zwischenschritte so, wie ich sie tatsächlich gemacht habe. Wie du siehst, habe ich in meiner Rohfassung Deutsch und Englisch vermischt. Ich habe auch nicht alles ausformuliert und mir am Ende der Geschichte eine To-Do-Liste gemacht. In der Erstfassung habe ich die Sprache vereinheitlicht, Lücken geschlossen und versucht meine To-Dos umzusetzen.

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