Selbstporträt einer Frau in den besten Jahren

Selbstporträt zum Geburtstag

Es ist Freitag, der 30. September 2022, kurz nach 11 Uhr. Ich habe Urlaub, die letzte Urlaubswoche ist fast schon vorbei. Dienstag geht nach drei Wochen Freiheit der Alltag wieder los. Auf dem Foto sitze ich im Forest Park, einem Leipziger Café auf der Karli. Die Arme auf dem Tisch und das Kinn in den Händen aufgestützt, schaue ich nach links. Gerade beobachte ich einen Mann, der die Bedienung auf Englisch um mehr Speisekarten bittet. Rechts neben mir sitzt Chris, der das Bild schießt und dreißig Sekunden später sagen wird: „Schau!“ – in der Hoffnung, ich würde einmal nicht doof ins Bild blicken. Ich werde ihn wieder enttäuschen. Ich habe mich damit abgefunden, nicht fotogen zu sein. Darum entscheide ich mich für dieses Bild. Es ist das erste Foto an meinem Geburtstag.

30.09.2022

Eigentlich wollte ich heute Morgen ganz früh aufstehen – und möglichst viel von meinem Tag zu haben. Aber aus dem frühen Aufstehen wurde nichts, denn gestern bin ich erst nach Mitternacht im Bett gewesen. Zwei Folgen Sisi auf Netflix und ein Glas Federweißer, der leider nicht der beste war, haben mir meinen Vorsatz pünktlich schlafen zu gehen vereitelt. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass ich gestern einfach noch nicht müde war nach dem Entspannungstag in der Meri Sauna am Kulkwitzer See. Schließlich hatte ich den halben Tag auf einer Liege geschlafen.

Heute Morgen bin ich dafür doppelt müde. Ich kam nur schwer aus dem Bett. Vage erinnere ich mich an einen unguten Traum mit meinem Vater. Ob er mir heute zum Geburtstag gratuliert? Er hat es die letzten drei Jahre nicht getan. Dafür waren am Morgen schon Glückwünsche von Jasmin, meinen Brüdern und meiner Mutter auf dem Handy.

Chris und ich machen uns in einem CityFlitzer auf den Weg zur Karli. Die Stadt besteht heute nur aus Baustellen, Einbahnstraßen und Umleitungen. Darum kommen wir zu spät.

Am Eingang steht Elli, der Café-Hund. Eine braun-weiße Dackeldame, der im Forest Park viele Gemälde gewidmet sind. Eines davon zeigt sie mit Perlenkette. Elli knurrt Krümel an und wird zur Strafe von ihrer Besitzerin in die Box geschickt. Fünf Minuten später wird sie winselnd neben Krümel stehen, ihn mit sehnsüchtigen Dackelaugen anblicken und ihm ihre Freundschaft anbieten.

Heute bin ich 45 geworden. Die Hälfte meines Lebens ist erreicht – selbst bei großzügiger Schätzung der Lebenserwartung. Ich weiß nicht, ob mich dieser Umstand deprimiert. Gerade fühle ich mich weder besonders gut, noch besonders schlecht. Die Jahreszahl hat ihre Bedeutung verloren. Rational weiß ich, dass ich nicht mehr lange zu leben habe – aber der heranrückende Tod fühlt sich ebenso unwirklich an, wie die Tatsache, dass ich wirklich schon im ”mittleren Alter” bin.

Statt pessimistisch zu werden, freue ich mich lieber auf mein Frühstück, das ich eben bestellt habe: Grillkartoffeln, Kürbis, Avocado und Rührei. Vor mir steht ein English Breakfast Tee mit Milch. Unter mir sitzt Krümel auf seiner Decke. Life is good.

Ich trage einen grauen Strickrock, ein graues Oberteil und meine Schlabberweste. Die beiden Oberteile habe ich gebraucht bei Momox gekauft und sie sind direkt zu Lieblingsstücken geworden.

Heute trage ich die Schlabberweste besonders gern, denn das viele Essen in den letzten Monaten hat sich am Bauch eine neue Heimat gesucht. Ich fühle mich etwas unwohl damit und bin darum froh, dass meine Schlabberweste die Rundung kaschiert. Meine Haare habe ich frisch gewaschen. Ich habe mir Mühe gegeben, heute adretter auszusehen als sonst. Ob es mir gelungen ist?

Meinen Ehrentag möchte ich entspannt verbringen. Das Wetter ist schön und sonnig, bereits herbstkalt. Neun Grad waren es beim Verlassen des Hauses. Vielleicht spazieren wir durch Leipzig. Sicher ist im Moment nur: Nach dem Frühstück trinken wir Kaffee bei Kallas und abends essen wir im Schaarschmidts. Das Restaurant habe ich ausgesucht, weil man dort schön zwischen Büchern sitzt. Es gibt allerdings nur ein vegetarisches Gericht. Ein Risiko. Hoffentlich lohnt sich das Ambiente, falls die vegetarische Option nicht schmeckt.

Ähnliche Beiträge

Früher war mehr Lametta

Früher war mehr Lametta

Über das glitzernde Lametta habe ich mich gefreut. Bevor wir die silbernen Fäden aus Umweltgründen verbannten, haben wir Kinder es in Unmengen an den Weihnachtsbaum geworfen.

Mehr lesen
Besuch von Gestern 1 Autofiktionale Schreibübung

Besuch von Gestern

Mit der folgenden Schreibübung gewinnst du eine neue Perspektive auf deine Vergangenheit – indem du einer ganz besonderen Person begegnest.

Mehr lesen
0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
0
Would love your thoughts, please comment.x