Plot entwerfen (4/4)

Du hast deinen ersten Entwurf fertig. Gratulation! Damit hast du es weiter geschafft, als die meisten Schriftstellerinnen. Und du hast dir bewiesen, dass du es kannst: durchhalten, weiterschreiben, dranbleiben – auch wenn es mal schwierig wird. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die dir bei der Überarbeitung hilft.

Stine Completing your first draft shows you can do it.

Erster Entwurf – und jetzt?

Den ersten Entwurf in Händen zu halten ist ein wichtiger Moment. Aber jetzt beginnt der wichtigste Teil des Schreibprozesses, bei dem aus mittelmäßigen Texten grandiose Meisterwerke werden. Der erste Entwurf ist dein Rohmaterial, das du in den folgenden Phasen des Um- und Neuschreibens zu einer fesselnden Geschichte vertiefst.

Whitney A good book isn't written, it's rewritten.

Überarbeiten – aber wie?

Wie genau du beim Überarbeiten am besten vorgehst, hängt unter anderem von deiner Persönlichkeit ab. Wenn du bereits erfahren mit Feedback-Prozessen bist, dir deiner Schreibkompetenz sicher bist und dich nicht so lässt von den Meinungen anderer beeinflussen lässt, kannst du deinen Text mit der Workshop-Methode überarbeiten.

Die Workshop-Methode

Die Workshop-Methode ist eine traditionelle Art, Feedback zu erhalten für die Überarbeitung zu erhalten. Dabei kann der Workshop im Rahmen einer Schreibgruppe stattfinden oder online. Eine sehr bekannte englischsprachige Workshop-Community ist Scribophile, die ich für meine Erzählung The Marvelous Misfits of Westminster genutzt habe und dir empfehlen kann.

Wie läuft ein Workshop ab?

Du stellst deinen Feedback-Partnerinnen einen Textauszug zur Verfügung und gibst ihnen genügend Zeit, den Text zu lesen. Anschließend wird dein Text in der Gruppe besprochen. Deine Aufgabe ist es, zuzuhören. Du solltest deinen Text weder verteidigen noch erklären. Wenn später eine Leserin dein Buch kauft, wärst du auch nicht vor Ort, um ihr bei Fragen und Problemen weiterhelfen zu können.

Während der Besprechung wird schnell klar, mit welchen Textstellen die Leserinnen Probleme haben. Vielleicht verstehen sie etwas nicht – oder sie verstehen es anders, als du es gemeint hast. Diese Punkte kannst du in der Überarbeitung angehen, indem du die betreffenden Textstellen um- oder neu schreibst.

Vorteile von Workshops

Du erhältst unterschiedlichstes Feedback von ganz verschiedenen Menschen. Diese Perspektiven erlauben dir, deinen Text selbst mit neuen Augen zu sehen. Außerdem helfen dir Workshops dabei, Probleme in deinem Text zu identifizieren.

Nachteile von Workshops

Du solltest deinen Text nicht in Workshops besprechen lassen, wenn du noch früh im Prozess der Stoffverdichtung und -entwicklung bist. Gib deine Geschichte erst anderen, wenn du selbst eine klare Vorstellung von deiner Geschichte hast.


Das Schwierige an Workshops ist nämlich, dass Probleme im Text zwar identifiziert werden. Aber die vorgeschlagenen Lösungsansätze sind nicht immer das, was dein Text braucht. Da Workshops außerdem stark auf Schwächen im Text gerichtet sind, könntest du den Eindruck gewinnen, dein Text sei nicht gut genug. Dabei vergisst man leicht: Alle ersten Entwürfe sind nicht gut genug! Dein Text verändert, vertieft und verbessert sich mit jeder Überarbeitung.

Bevor du mit deinem Text in einen Workshop gehst, solltest du dich ganz klar abgrenzen können von Vorschlägen, die nicht das Richtige für deine Vision sind. Du solltest auch fest an deine Idee und deine Schreibkompetenz glauben.

Nur weil es jetzt nicht funktioniert, heißt das nicht, dass es im nächsten Entwurf nicht funktionieren wird… oder im nächsten… oder im nächsten. […] Nach einem Workshop kann man mit zu vielen Stimmen im Kopf nach Hause gehen, was den Überarbeitungsprozess verwässern kann. […] Ich sage meinen Studenten, dass sie an eine Workshop-Kritik mit zwei gleich starken, aber widersprüchlichen Gedanken im Kopf herangehen müssen: Einerseits müssen sie offen sein für Kritik und bereit, alles anzunehmen, was sie aus der Diskussion lernen können. Andererseits müssen sie in der Lage sein können, den Leuten zu sagen, dass sie zur Hölle fahren sollen, wenn die Ratschläge keinen Sinn ergeben.

Alice LaPlante, The Making of a Story – Chapter: Learning to Fail Better

Was aber, wenn dein Text (oder du selbst) noch nicht bereit ist für die Workshop-Runde? Wie gehst du beim Überarbeiten systematisch vor, um deine Geschichte zu verbessern? Brando Skyhorse schlägt eine Checkliste mit 21 Punkten vor.

Du kannst selbst entscheiden, ob du vor der ersten Überarbeitung oder erst danach Fremden deinen Text für ein erstes Feedback gibst.

Tust du es davor, gib deinen Leserinnen am besten konkrete Fragen fürs Feedback:

  • Markiere Stellen, die dir besonders gut gefallen. Warum gefallen dir diese Stellen? → So findest du heraus, was deine Leserinnen mögen und kürzt nicht versehentlich gute Stellen weg.
  • Markiere Stellen, die dir unklar sind. Warum sind dir diese Stellen unklar? → Mit dieser Frage erfährst du, wo du deine Vision noch klarer aufs Papier bringen musst.
  • Markiere, an welchen Stellen deine Aufmerksamkeit abgedriftet ist. → Wichtig, um zu wissen, wo dein Text an Spannung verliert. Stellen, die deine Leserinnen überfliegen, sind entweder langweilig oder unnötig.

Weiterführendes Feedback brauchst du für deine erste Überarbeitung eigentlich nicht. Nach dem ersten Entwurf läuft die kreative Entwicklungsphase noch. In dieser Phase du solltest dich nicht zu sehr von fremden Meinungen beeinflussen lassen. Frage darum gezielt nur nach Feedback, das dich weder verunsichert noch von deinem Weg abbringt.

21-Punkte-Checkliste

1. Verbessere einfache Fehler

Gemeint ist damit alles, was den Text an der Oberfläche besser macht. Verbessere Rechtschreibfehler, Kommata, streiche Adverbien heraus. Diese erste Korrektur ist nicht das Wesentliche einer Überarbeitung und ersetzt auch nicht das Redigieren vor der Veröffentlichung. Die einfachen Verbesserungen sind nur eine Möglichkeit, dich unkompliziert deinem Text zu nähern und das Offensichtliche zu verbessern.

2. Streiche Unnötige Wörter

Streiche im zweiten Schritt alle unnötigen Wörter. Das sind nicht nur Adverbien. Betrachte auch alle Stellen kritisch, in denen du mit vielen Worten schreibst, was du mit einem anderen Wort treffender und kürzer schreiben könntest. Ich rannte wie aus der Kanone geschossen die Treppe hinauf. vs. Ich schoss die Treppe hinauf. Am Ende sollte jedes Wort, das du auf dem Blatt lässt, notwendig für das Verständnis deiner Geschichte sein.

3. Streiche unnötige Erklärungen

Denke nicht für deine Leserinnen. Die Aufgabe einer guten Geschichte ist es nicht, alle Fragen im Text direkt zu beantworten. Deine Aufgabe als Autorin ist es, alle Puzzleteile so zu präsentieren, dass deine Leserinnen selbst Antworten auf die Fragen finden.

Betrachte darum besonders kritisch alle Stellen, an denen du erklärst und nicht zeigst. Das können auch sehr kleine Stellen sein. Etwas, das du beiläufig geschrieben hast, ohne dir näher Gedanken zu machen. Wenn du beispielsweise schreibst: Sie hatte Angst, dann ist Angst eine Abkürzung, die du hinterfragen solltest. Du verrätst deinen Leserinnen, welches Gefühl deine Figur gerade hat. Du zeigst es ihnen aber nicht – und nimmst ihnen dadurch das Denken ab. Sie müssen sich keine Mühe mehr machen, selbst zu entdecken, was in deiner Figur vorgeht. Damit nimmst du deinen Leserinnen auch den Interpretationsspielraum, was den Text weniger mehrdeutig macht. Immer, wenn du eine solche Abkürzung in deinem Text entdeckst, überlege, wie du Gefühle zeigen könntest: Ihre Augen waren weit und ihr Gesicht bleich wie die Wand, vor der sie stand. Tim starrte auf die Schwitzflecken, die sich dunkel auf ihrem Shirt abzeichneten.

4. Streiche “Bühnenanweisungen”

Unter Bühnenanweisung fällt alles, das sich auf die Position deiner Figuren im Raum bezieht. Natürlich bewegen sich deine Figuren durch den Raum und das Setting ist ein wichtiges Element deiner Geschichte. Aber das heißt nicht, dass du jede Bewegung deiner Figur von der Spüle bis zum Kühlschrank akribisch darstellst. Die Leser wollen nicht wissen, wie viele Schritte es von der Spüle bis zum Kühlschrank sind. Sie wollen einen Blick in die Köpfe deiner Figur werfen.

5. Prüfe, ob alle Handlungen deiner Figur durchgehend motiviert sind

Im wirklichen Leben machen wir ständig Dinge und wissen nicht warum (aber auch nur, weil wir meist nicht so genau darüber nachdenken… in Wahrheit gibt es immer einen Grund). Deine Figuren aber sind fiktive Wesen. Du hast sie erfunden. Und auch wenn deine Figur (noch) nicht weiß, warum sie etwas tut: Du, die Autorin, solltest es sehr genau wissen. Nimm im Text alle Stellen unter die Lupe, bei denen dir selbst nicht klar ist, warum deine Figur so handelt. Motiviere jede Handlung deiner Figur oder streiche sie.

6. Prüfe, ob dein erster Absatz mit einer konkreten Handlung anfängt

Handlungen ziehen deine Leserinnen in die Geschichte. Erinnerst du dich an die ABDCE-Struktur? A steht für Action. Achte darauf, dass deine Geschichte mit einer Handlung beginnt. Es war ein heißer Sommer. Der Bus war voll. Friedrich saß neben einer Frau und schwitzte. vs. Friedrich zog sein T-Shirt aus. Die Leute im Bus starrten mit gerümpften Nasen auf seinen vor Schweiß glänzenden Oberkörper. Die Frau neben ihm rückte von ihm weg.

7. Prüfe, ob deine Geschichte kohärent ist

Betrachte die Geschichte als Ganzes. Folgen die Ereignisse einer inneren Logik, die am Ende verständlich ist? Oder gibt es Sprünge und Lücken? Gedankensprünge sind zwar erlaubt. Aber nur, wenn du sie so gestaltest, dass deine Leserinnen dir nachspringen können. Ist der Abstand zwischen zwei miteinander verbundenen Gedanken zu weit, fallen die Leserinnen in den Abgrund und haben vielleicht keine Lust mehr, weitere Sprünge zu wagen.

8. Prüfe, ob alle Szenen komplett sind

Um das zu prüfen, hilft dir die ABDCE-Struktur. Jede Szene sollte diese fünf Elemente haben. Fehlt eines, ist die Szene nicht komplett.

9. Prüfe, ob alle Szenen aktiv beginnen

Was für den Anfang deiner Geschichte gilt, gilt auch für jede einzelne Szene. Sie sollte aktiv beginnen, mit einer konkreten Handlung.

10. Prüfe, ob du im Aktiv schreibst

Versuche Passiv-Konstruktionen zu vermeiden. Immer wenn du auf ein Es war… oder Es ist… in deiner Geschichte stößt, schau dir den Satz genauer an. Genauso solltest du jede Form von haben oder sein markieren. Mit diesen Hilfsverben bildest du Sätze im Passiv. Schreibe solche Sätze um, sodass sie aktiv sind. Es wurde mir gesagt, ich solle nach Hause gehen. vs. Er sagte mir, ich solle nach Hause gehen.

11. Prüfe, ob dein Setting funktioniert

Das Setting ist kein beliebiger Ort. Es ist für deine Geschichte notwendig und trägt dazu bei, die Geschichte besser zu verstehen. Wenn das nicht der Fall ist, wenn deine Geschichte überall spielen könnte, dann hast du noch nicht das richtige Setting gefunden. Eine überzeugende Geschichte hat kein willkürliches Setting. Eine überzeugende Geschichte macht nur an dem gewählten Setting Sinn. Harry Potter muss in Hogwarts spielen. Eine nicht-magische Schule in Londons Innenstadt würde die Geschichte komplett verändern.

12. Prüfe, ob deine Figuren glaubwürdig und nachvollziehbar handeln

Damit die Illusion deiner Geschichte funktioniert, sollten deine Figuren glaubwürdig und nachvollziehbar sein. Beispielsweise sollten sie körperlich und emotional in der Lage sein etwas zu tun. Eine Frau im Querschnittslähmung, die aus ihrem Rollstuhl auf die Fahrbahn springt, um ein Kind davor zu retten, überfahren zu werden… das ist unglaubwürdig. Dass sie aber mit ihrem Rollstuhl auf das Kind zurollt und es wegstößt, dabei selbst vom Auto erfasst wird… das nimmt man dir schon eher ab.

13. Stelle sicher, dass deine Szenenübergänge klar sind

Ungeschliffene Szenenübergänge reißen die Lesenden aus der Illusion, die du geschaffen hast. Achte darum darauf, dass die Szenen nahtlos ineinander übergehen.

14. Prüfe, ob die Struktur deiner Geschichte stimmt

Die Struktur ist ein Bauplan für Geschichten und dient vor allem dazu, dass eine Geschichte für die Lesenden Sinn ergibt und spannend wird. Du solltest darum prüfen, ob du die gewählte Struktur einhältst. Skyhorse empfiehlt die ABDCE-Struktur. Daneben gibt es auch weitere Strukturen, um erfolgreiche Geschichten zu bauen: 7-Punkte-Struktur, 3-Akt-Struktur, 5-Akt-Struktur, Save The Cat-Methode. Egal für welche Struktur du dich entscheidest, wichtig ist, dass du die zentralen Elemente dieser Struktur auch in deiner Geschichte umsetzt.

15. Prüfe, ob klar ist, was für deine Figuren auf dem Spiel steht

Im Grunde sind wir alle träge Massen. Wie du selbst, will auch deine Figur am liebsten ihre Ruhe haben und auf der Couch sitzen bleiben. Deine Aufgabe als Autorin ist, deiner Figur einen dringenden Grund zu geben, sich von der Couch zu erheben. Es muss etwas für sie auf dem Spiel stehen – und wenn sie es nicht tut, muss das schwere Konsequenzen haben.

16. Prüfe, ob du die Konsequenzen des Nicht-Handelns deutlich zeigst

Deinen Lesenden muss klar sein, was passiert, wenn deine Figur sich nicht von der Couch wegbewegt. Nur so können deine Lesenden verstehen, warum deine Figur handeln muss. Sie entwickeln Mitgefühl für deine Figur, sie sehen die Notwendigkeit zu handeln und folgen deiner Figur von der Couch ins Unbekannte.

17. Bringt jeder Satz die Handlung voran oder vertieft das Verständnis für deine Figuren?

Begib dich auf die Satzebene und teste, ob jeder einzelne Satz wirklich wichtig ist. Ein wichtiger Satz macht eins von zwei Dingen: Er treibt entweder die Handlung voran oder er hilft dabei, dass die Leserinnen deine Figur besser verstehen können. Sehr wichtige Sätze tun beides. Besteht ein Satz diesen Test nicht, solltest du ihn ändern oder streichen.

18. Ist dein zweiter Entwurf etwa 10% kürzer als dein erster?

Beim Überarbeiten geht es um Verdichtung. Wenn du etwas verdichtest, wird es gewöhnlich weniger. Ist dein zweiter Entwurf nicht kürzer geworden, solltest du überprüfen, ob du genug verdichtet hast.

19. Streiche Szenen, die nicht funktionieren

Manche Szenen funktionieren einfach nicht, auch wenn du sie x-mal umschreibst. Vielleicht handelt es sich dabei um eine Backstory, die zu umfangreich geworden ist. Oder einen Dialog, der für deine Handlung unnötig ist. Egal wie lange du an einem nicht-funktionierenden Text gearbeitet hast. Nimm von ihm Abschied! Du musst den Text nicht löschen. Werfe sie auf deinen “Komposthaufen”. Das kann beispielsweise Ordner mit nicht-verwendeten Szenen sein, der dich später zu neuen Geschichten inspiriert.

I think it’s really important for a writer to have a compost heap. Everything you read, things that you write, things that you listen to, people you encounter, they can all go on the compost heap. And they will rot down. And out of them grow beautiful stories.

Neil Gaiman (Masterclass.com)

20. Ist jede Szene auf dem Blatt genauso klar wie in deinem Kopf?

Wenn du schreibst, sollen deine Lesenden verstehen, was du gemeint hast. Du hast ein klares Bild in deinem Kopf. Aber: Ist es dir gelungen, dieses Bild genauso klar in Worte zu fassen?

Bis du Punkt 1 bis 20 überarbeitest, kann das mehrere Monate dauern. Das ist ganz normal. Die Phase des Überarbeitens dauert gewöhnlich länger als das Schreiben des ersten Entwurfs. Das geht selbst sehr erfahrenen Schriftstellerinnen so.

Erst durch Feedback und Feinschliff entwickelt sich eine Geschichte weiter.

Nach der Überarbeitung ist es an der Zeit, deine Geschichte (erneut) in die Feedback-Runde zu geben. Nach der Feedback-Runde weißt du, ob dein Text den 21. Punkt der Checkliste erfüllt.

21. Verstehen die Lesenden deine Geschichte?

Eine Kurzfassung der 21-Punkte-Checkliste kannst du dir hier herunterladen.

Die Phasen des kreativen Prozesses

In The Making of a Story weist Alice LaPlante darauf hin, dass der kreative Prozess nicht linear ist. Er verläuft in spiralförmigen Phasen, bei denen du dich auch zwischen unterschiedlichen Entwicklungsphasen hin- und herbewegen kannst. Für die einzelnen Entwicklungsphasen schlägt LaPlante unterschiedliche Herangehensweisen vor.

Erste Stoffentwicklung

In der ersten Stoffentwicklung wird aus deiner Idee ein roher, erster Entwurf. Der erste Entwurf ist meist noch chaotisch. Er ist von Unsicherheit gekennzeichnet und du brauchst in dieser Phase vor allem eines: den Mut, dich auf dein Projekt einzulassen und die Fähigkeit, die Unvollkommenheit deines Textes zu akzeptieren bis er (mit jeder Überarbeitung) besser wird. In dieser Phase ist das einzig sinnvolle Feedback: Mut machen. Wenn du jemanden kennst, der dich ermutigt, ist das super. Wenn nicht, halte dich besser an die weisen Worte von Stephen King:

Stephen King Zitat Write with the door closed, rewrite with the door open.

Kreative Entwicklungsphase

Nachdem der erste Entwurf geschrieben ist, beginnt die kreative Entwicklungsphase. In dieser Phase denkst du noch viel über deine Geschichte nach, erfindest neue Dinge dazu und bist selbst noch auf der Suche nach dem Warum. Deine Geschichte ist noch im Fluss und es verändert sich viel: Perspektive, Setting, Szenen – nichts steht endgültig fest. Vielleicht kommen sogar neue Figuren hinzu. In der kreativen Entwicklungsphase überarbeitest du am besten deine Geschichte mit bestimmten Übungen. LaPlante stellt vier Übungsfelder vor, die dich von einem Entwurf zum nächsten führen. Ich stelle dir hier eine Auswahl vor. Weitere Übungen findest du in The Making of a Story:

Analytische/Mechanische Übungen

Analytische und mechanische Übungen helfen dir dabei, deine Geschichte zu untersuchen. Du fühlst dich gerade nicht so kreativ, willst aber trotzdem an deiner Geschichte weiterarbeiten? Dann sind diese Übungen perfekt geeignet.

  • Drucke deine Geschichte aus. Tippe sie anschließend ganz oder in Teilen ab. Abtippen ist eine Methode, die selbst bekannte Autorinnen wie Kate DiCamillo verwenden, denn stumpfes Abtippen bringt dich auf neue Gedanken.
  • Markiere alle Formen der Hilfsverben haben und sein. Hilfsverben haben selbst keine Bedeutung. Ersetze sie durch aktive, bedeutungstragende Verben. Das macht auch deinen Text lebendiger.
  • Markiere alle Nomen, die auf -ung oder -heit/keit enden. Diesen Wörtern liegen Verben zugrunde. Schreibe die Sätze um, sodass aus den Nomen wieder Verben werden. Seine Weigerung nervte mich. vs. Er weigerte sich. Ich rollte mit den Augen.
  • Markiere Stellen, an denen du abstrakt oder allgemein schreibst. Überprüfe, ob du abstrakte/abstrakte Ideen ausreichend mit Sinneseindrücken unterstützt.
  • Markiere alle Stellen, an denen du Sinneseindrücke verwendest. Nutze für jeden Sinn eine eigene Farbe. Schau dir die Verteilung an. Benutzt du alle Sinne gleichmäßig oder ist ein Sinn überrepräsentiert?
  • Lies deinen Text laut vor und höre auf den Sprachrhythmus. Wenn du beim Vorlesen über eine Stelle stolperst, markiere dir diese Stelle.
  • Leg die Geschichte für ein halbes Jahr zur Seite, damit du sie nach der Reifezeit mit neuen Augen beurteilen kannst.

Kreative Übungen

Kreative Übungen zielen darauf ab, assoziative Prozesse in Gang zu bringen. Sie fördern das Generieren von Inspirationen und Ideen. Das interessante an kreativen Übungen ist, dass sie dich immer irgendwo einschränken und dir Grenzen setzen. Genau diese Grenzen sind es aber, die den kreativen Prozess anschubsen. Hier einige Übungen, die LaPlante vorschlägt:

  • Ändere die Erzählperspektive und schreibe einen Teil deiner Geschichte aus dieser Perspektive neu.
  • Ändere die Zeitform: Präsens zu Präteritum und umgekehrt.
  • Führe eine neue Figur ein. Lasse diese Figur in ihren eigenen Worten zusammenfassen, was in der Geschichte passiert. (Ich-Perspektive, Tagebucheintrag)
  • Schreibe über entscheidendes Ereignis aus der Vergangenheit deiner Figur. Wichtig: Ohne dieses Ereignis wäre deine Figur nicht in die Situation geraten, in der sie heute steckt. (Ich-Perspektive, Tagebucheintrag)
  • Versetze deine Figur zehn Jahre in die Zukunft. Lass sie auf den Moment zurückblicken, in dem sie sich in deiner Geschichte gerade befindet. (Ich-Perspektive, Tagebucheintrag)
  • Schreibe eine Liste von Ereignissen, die nicht passieren, weil deine Figuren so handeln, wie sie in einer bestimmten Szene handeln.
  • Ändere die Erzählform: Schreibe Szenen in erzählende Passagen um und umgekehrt.
  • Ändere das Setting radikal: Mach Berlin zur Sahara. Was passiert?

Auf Recherche basierende Übungen

Übungen, die auf Recherche basieren, zielen darauf ab, dass du hinaus in die Welt gehst und zusätzliche Informationen sammelst. Wage dich aus deiner fiktionalen in die reale Welt (keine Panik, es darf auch das Internet sein) und suche nach Dingen, die dich auf neue Ideen bringen.

  • Suche zehn spannende Fakten über den Ort, an dem deine Geschichte spielt. Wichtig: Es müssen Fakten sein, die du nicht vorher schon gewusst hast.
  • Sprich mit einer Person, die denselben Beruf wie deine Hauptfigur hat. Versuche zehn Dinge im Interview herauszufinden, die dir neu sind.
  • Recherchiere Rezepte für fünf typische Gerichte, die Menschen in der Zeit oder an dem Ort essen, an dem deine Geschichte spielt.
  • Finde zehn neue Dinge heraus, die zur gleichen Zeit, in der deine Geschichte spielt, auf der Welt passiert sind.
  • Befrage fünf Personen, wie sie in der Situation handeln würden, in der sich deine Hauptfigur befindet.
  • Welche Musik hörten Leute in der Zeit, in der deine Geschichte spielt? Finde es heraus?

Zufallsbasierte Übungen

Mit zufallsbasierten Übungen generierst du Ideen durch zufällige Gegebenheiten. Du kannst dir selbst Gerüste für solche zufallsbasierten Übungen ausdenken. Die Schreibmethode, die sich für zufallsbasierte Übungen am besten eignet, ist das Freewriting (freies Schreiben).

  • Nimm den dritten Artikel in einer Tageszeitung. Gehe zum dritten Absatz und schreibe dir das erste, dritte, siebte und neunte Wort heraus. Schreibe einen Text, der auf diesen Wörter basiert.
  • Geh eine Runde um den Block und beobachte genau, was um dich herum passiert (oder nicht passiert). Schreibe daheim ein paar Seiten und lass dich dabei von deinen Eindrücken inspirieren.
  • Geh in ein Café und schreibe eine Konversation auf, die du mitgehört hast. Schreibe einen Text dazu.

Konstruktive Entwicklungsphase

Deine Geschichte hat sich langsam verfestigt. Du hast eine klare Vision. Jetzt geht es an technische und handwerkliche Aspekte: Wie kannst du das, was du sagen willst, am besten sagen? Wie kannst du eine Szene noch klarer gestalten? In dieser Phase ist dein Text bereit, um in einem Workshop von anderen auf Herz und Nieren zu werden.

Redigieren

Wenn alles fertig geschrieben ist, geht es ans Redigieren. Rechtschreibung, Satzstellung, Interpunktion – in dieser Phase bereitest du deinen Text für die Veröffentlichung. Dein Ziel: ein Text, der frei von Fehlern ist und sich gut liest.

Schreibübung

In der Schreibübung: Die ganze Geschichte wendest du alles an, was du in der Artikel-Reihe “Plot entwerfen” gelernt hast und schreibst deine erste kleine Geschichte.

Weiterlesen

Hier geht’s zu den anderen Teilen von “Plot entwerfen”:

Anmerkung

Die Inhalte dieses Blog-Artikels basieren auf dem Buch The Making of a Story (Alice LaPlante) sowie den Materialien des Moduls “The Craft of Plot”, das Teil der Coursera-Spezialisierung “Kreatives Schreiben” ist. Dozent des Moduls ist der Schriftsteller Brando Skyhorse.

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