Es ist, was es ist

Assoziatives Erinnern Beispiel Netflix

Netflix

stiehlt mir mein Leben und es macht mir nicht so viel aus, wie es sollte. Andere kommen nicht vom Heroin los, ich nicht vom Fernsehen. Drei Stunden Lohnarbeit pro Tag finde ich oft unerträglich, die vier bis sechs Stunden Binge Watching vergehen am Abend meist ohne Bedauern. Man wäre sowieso zu müde gewesen, etwas anderes zu tun und die Serien seien auch wertvoller Inhalt fürs Schreiben. Dass Lesen wohl besser fürs Schreiben wäre und Schreiben allemal, dieser Gedanke wird verdrängt. Eine zu unangenehme Wahrheit. Lieber lasse ich die Gedanken um weniger Unbequemes kreisen: Wieso habe ich nach sieben Folgen Shining Girls immer noch nicht verstanden, wie die Zeitlinien miteinander verknüpft sind?

Motorgeräusche

lassen Andrea aufschrecken. Der Lieferwagen des Vaters, den ihr kleiner schwarzer Hund immer zuerst hört, nähert sich. Während Trixi schon mit dem Stummelschwanz wackelnd bei der Tür steht, stellt Andrea hastig den Fernseher aus und tut schnell etwas von der langen Liste der Dinge, die ihr aufgetragen sind. Ihr Vater will nicht, dass der Fernseher vor 18 Uhr angeschaltet wird. In seiner Abwesenheit hält sich niemand daran. Auch Andrea nicht. Zumal Bügeln tödlich langweilt ohne die Flimmerkiste. Sie wird fürs Bügeln bezahlt, wie für alle Hausarbeit seit die Mutter weg ist. 10 Mark pro Stunde. Das macht es aber nicht wirklich besser. Oft schaut Andrea Telekolleg, um den Vater vom Bildungswert des Fernsehens zu überzeugen. Ohne größeren Erfolg. Seit Andrea von zu Hause ausgezogen ist, bügelt sie strikt nicht mehr – und wenn nur die eigenen Kleider.

Vater

ist zu einem alten weißen Mann geworden – rückblickend ist er gelegentlich auch ein alter weiser Mann gewesen. Zumindest, was gesunde Fernsehgewohnheiten betrifft. Einige seiner Lebensweisheiten verfolgen mich noch vierzig Jahre später. Wer spät ins Bett gehen kann, kann auch früh aufstehen. Stimmt so nicht. Aber wenn ich morgens nicht aus dem Bett komme, weil ich nachts unvernünftig lange aufblieb, habe ich ein schlechtes Gewissen. Inzwischen zwickt es mich nicht mehr so arg wie noch vor zwanzig Jahren. Ich nabele mich ab. Auch mental.

Leipzig

Kokon meines neuen Ichs. An keinem Ort war ich als Erwachsene länger und es schmerzt mich schon jetzt, dass ich es bald verlasse. Mein Leipzig lob’ ich mir, sagte schon Goethe. Recht hatte er.

Kleine Raupe Nimmersatt

ist Andreas liebstes Buch in Kleinkindertagen. Man muss es ihr häufig vorlesen. Unbewusst nagt sich die kleine Raupe Nimmersatt in Andreas Gehirnwindungen. Nachts, im Mondschein lag auf einem Blatt ein kleines Ei. So der erste Satz. Jahre später wird sie in ihrem eigenen Kinderbuch schreiben: Es war mitten in der Nacht. Der Mond stand rund und hell am Himmel und leuchtete auf ein Ei. Es lag verlassen auf einer Lichtung im Wald, direkt neben dem Baumstumpf, in dem Wildemar wohnte. Die Ähnlichkeit der Anfänge bemerkt sie erst später.

Raupenzüge

Am Freitag fresse ich mich durch das beste Restaurant der Stadt, aber satt bin ich noch immer nicht. Seit ich dich kenne, sind die Restaurant-Besuche gestiegen. Eigentlich kann ich mir mein Leben nicht leisten, erlaube es mir aber trotzdem. Dank dir. Das macht mich nicht immer glücklich. Die Hoffnung, selbst einmal viel Geld zu verdienen, habe ich zwar noch nicht aufgegeben. Die Bestrebungen der Normalsterblichen allerdings schon. 9-Stunden-Tag? Nicht mit mir! Falls ich nicht zufällig einen Bestseller lande, musst du mich durchfüttern. Bis zur Rente. Danach wahrscheinlich auch. Passt das für dich?

Altersarmut

betrifft mich, weil ich nie etwas Richtiges geworden bin. Inzwischen könnte ich das Ruder selbst mit einem Höchstgehalt nicht mehr herumreißen. Wozu es also überhaupt noch versuchen? Lieber mache ich, was mir passt. Sonst ist die zukünftige Armut komplett umsonst. Zur Absicherung heirate ich dich. Eigentlich wollte ich nie heiraten. Aber mir ist es lieber, ich erbe deine Rente als der Staat. Dir doch auch, oder?

Erstmal zu Penny

denn seit der denn’s gegenüber aufgemacht hat, sind wir ruiniert. Bei uns endet das Geld oft vor dem Monat. Darum gehen wir jetzt erstmal zu Penny. Ist zwar hundert Meter weiter. Aber um zu sparen, scheuen wir den Mehrweg nicht – zumindest nicht an geraden Monaten. Auf dem Mehrweg begegnet uns der Nachbar.

Die Nachbarn grüßen nicht mehr

seit wir sie verklagt haben.

Noch nicht alle Tassen im Schrank

Bei Penny gibt’s jetzt Peanuts Tassen von Kahla. Zwei Fakten, die mich reizen. Mit Bonuspunkten nur 5,99 EUR statt 29,90 EUR. Ein Schnäppchen! Sofort beginne ich mit dem Sammeln von Bonuspunkten. So spart die kleine Andrea gern.

Tassen sind eine Schwäche von mir. Für jede Stimmung eine Tasse. Das ist mein Motto. Noch habe ich nicht alle Tassen im Schrank. Das ist gut so. Aber auch problematisch. Weil der Schrank ist längst voll. Erschwerend kommt hinzu, dass ich zwanghaft Tassen selbst mache. Natürlich nur die Motive. Das eigentliche „Machen“ erledigen die Chinesen. Und ein Print on Demand-Shop in Polen. Gerade arbeite ich an einer Tassen-Serie für Autoren. Titel: Oscar Wildly Misquoted. Get it?

Mein bester Kunde

bin ich. Mein Tassen-Shop hat alles, was ich will. Leider.

Anmerkung

Dieses autofiktive Märchen ist das Ergebnis der Schreibübung “Autofiktion nach literarischem Vorbild”.

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